Ergebnisse Schreibaufgabe Tagebuch

Lösungsbeispiele

Die folgenden fiktiven Tagebucheinträge wurden von Schülerinnen einer 9. Klasse der Helene-Lange-Realschule Heilbronn verfasst.

Beispiel 1

[…] Da ist es schon wieder, das Alarmsignal. Welch schreckliches Geräusch! Es erklingt fast jede Stunde und lässt mich trotz der schon langsam eingekehrten Gewohnheit erneut zusammenschrecken. Ich bekomme mit jeder Minute mehr Angst. Der Aufprall der Bomben lässt einige Kinder neben mir aufschreien – mir ist auch nach Schreien zu Mute, doch ich kann nicht, ich zittere überall! Neben mir schlafen die Nachbarn auf einem Bett in einem Strohsack. An Schlafen ist bei mir nicht zu denken, wie können sie nur!

Die Koffer mit all den so schnell zusammengewürfelten Sachen meiner „Genossen“ hier im Bunker stehen in einer dunklen Ecke, einige werden sogar jetzt noch zur Verdunkelung benutzt, dass uns ja keiner sieht! Sie dienen auch dem Schutz, denn durch die Bomben wird Schutt und Staub aufgewirbelt und zu uns heruntergestreut. Ich hatte nicht viel Zeit gehabt, meinen Koffer zu packen, deshalb packte ich nur ein, was mir am Liebsten war; dazu gehören einige Fotos meiner Freunde und Familie, mein Lieblingsbuch, das mir zu einem sehr erweiterten Wortschatz verholfen hat, mein goldenes Amulett – das Erbstück meines Großvaters und mein Stofftier, das mir früher immer in schwierigen Situationen „beigestanden“ hat. Obwohl ich schon 16 Jahre alt bin, fühle ich mich wie ein kleines Kind, und so kindisch und unsinnig es auch klingt, das Stofftier gibt mir Kraft. Nicht viel, aber ein wenig! Ich drücke es immer ganz fest!

Ich suche die Nähe der anderen, weine immerzu, fühle mich hilflos und verdorben. Solche schlimmen Gefühle herrschen in meinem Kopf! Wie soll ich das alles nur überstehen? Keiner, aber auch keiner, der diese Zeilen ließt, kann nachvollziehen, was wir hier alle durchmachen, außer er war selbst in dieser Situation! Hier ist es so stickig, ich bekomme kaum Luft und es ist kalt, viel zu kalt!

So etwas wünsche ich nie, niemals jemanden, egal wie sehr ich ihn auch hasse! Ich bete jeden Tag zu Gott, doch er scheint mich nicht zu hören, denn das Drama geht immer weiter … Hat das Alarmsignal einmal aufgehört, fängt es kurze Zeit später wieder an […]

Hier stehen alle eng beieinander, versuchen sich Trost zuzusprechen, doch mir hilft auch das beste Zusprechen nichts … In den Augen aller spiegelt sich Angst, Angst und Verzweiflung wider, wie soll man da den Trost abkaufen? Es geht nicht. … Ich kann mir auch nicht selber Mut zusprechen, denn ich habe keinen mehr, kein Stück meines einstigen Mutes ist noch übrig! Diese Tage haben meine ganze Persönlichkeit, alles verändert! So sehr ich mich auch dagegen wehre, ich kann es nicht rückgängig machen. […] So viele hier erzählen sich von Bekannten, die dem Anschlag mit dem Leib zum Opfer gefallen sind. Einer ist verbrannt, der andere hat beide Beine verloren. […] Warum müssen sie das bereden? Ist doch schon schlimm genug, dass es überhaupt vorgefallen ist! […] Da, schon wieder! Eine Bombe! Können die nicht endlich aufhören?! Ich habe solche Angst, ich kann nichts machen! Herr, erbarme dich! Lass dieses schlimme Desaster aufhören und lass Frieden und Freiheit einkehren, ich bitte dich, im Namen aller Opfer!“

Jacqueline M. (9b)

Bespiel 2

Heute ist der 4. Dezember 1944. Ich sitze hier in dem Bunker unter meinem Haus. Ich habe Angst, es ist so dunkel in meinem Versteck. Draußen heulen die Sirenen und es gibt Erschütterungen wegen den Bomben welche die ganze Zeit herunterfallen. Ich warte, bis die Sirenen aufhören, trotzdem werde ich die ganze Nacht in meinem Bett aus Stroh wach bleiben. Die Verzweiflung ist so groß, außerdem habe ich nicht mehr viel zum Essen […]

Ich kann nicht mehr, ich muss hier raus! Jetzt ist gerade wieder eine Bombe eingeschlagen ....

Eine Freundin von mir, die 2 Straßen weiter wohnt, hat beide Beine verloren. Es ist einfach schrecklich, alles wird kaputt gemacht. Diese Kälte ist schlimm. Ich danke Gott, wenn ich diesen folgenschweren Angriff überlebe!

Sabine W. (9b)

Beispiel 3

 

4. Dez. 1944

[…] Heute herrscht eine wahnsinnige Stille. Na klar sind die Menschen unterwegs und unterhalten sich freudig, doch sieht man genau in ihre Augen, erkennt man die Angst in ihnen. Es wird schnell dunkel und die Menschen auf den Straßen werden hektischer, denn sie wollen noch ihre Einkäufe erledigen, bevor die Geschäfte, die dunkel sind, schließen. Die große Kirchenglocke erklingt gerade; es ist nun 6 Uhr und Zeit für mich zu gehen. Meine Mutter hat den Tisch schon gedeckt und bald werden auch die anderen kommen.

Es ist so dunkel hier unten im Bunker. Der Lärm der Sirene ertönt immer wieder in meinem Kopf. Ich habe solche Angst, doch bin ich auch zuversichtlich, dass nichts Schlimmes passieren wird. Es ist so dunkel und eng, dass ich kaum schreiben kann, doch wenn wir in ca. 1 h wieder nach oben dürfen, werde ich sowieso noch einmal alles schreiben. Die Leute, unsere Nachbarn und meine Geschwister, drängen sich zusammen. Wieder herrscht eine unerträgliche Stille. Vielleicht habe ich mich doch geirrt und das ist erst die Ruhe vor dem Sturm. Ich hoffe es nicht.

6. Dez. 1944

Du bist das einzigste, was mir geblieben ist. Ich kann meine Familie nicht finden. Ich suche sie schon so lange, doch bald kann ich nicht mehr, was soll ich tun?

Als die Bomben über uns einschlugen, ich weiß nicht genau wie spät es war, als die Schreie der Menschen erklang. Ich höre es genau in meinem Kopf, die Kinder, die kreischten, das angsterfüllte Weinen, das Feuer , das so heiß war, der Rauch, den ich immer noch schmecken und riechen kann, der in den Keller drang, als ob die Tür kein Hindernis für ihn sei. Ich bekam kaum noch Luft, dann urplötzlich brach eine Panik unter uns aus und ich wurde gegen die Tür gedrängt - es war so schrecklich. Die Menschenmasse riss mich nach draußen.

Als ich draußen stand konnte ich mich nicht mehr bewegen. Ringsherum loderte das Feuer meterhoch, die Luft war stickig, Menschen, die in Flammen standen, rannten schreiend an mir vorbei und fielen einige Meter von mir entfernt zu Boden. Es kam mir nicht mehr wie in meiner alten Stadt vor, sondern als wäre ich in der Hölle.

Einige Minuten lang stand ich da, schließlich hörte ich über mir Motorgeräusche. So schnell ich konnte rannte ich. Meine Beine schmerzten und schließlich fiel ich auf die Knie.

Als ich aufwachte, sah ich überall nur Schutt und Asche, Menschen, die nach Hinterbliebenen riefen und noch immer rufen, Menschen, die weinend zusammen brachen und Flammen, die einfach nicht aufhören wollten zu brennen. In dem Augenblick wünschte ich, dass ich gestorben wäre, denn alles worauf ich gehofft hatte, der Frieden, die Hoffnung, dass alles war in den Flammen untergegangen. Was soll ich jetzt tun? Wo sind meine Eltern? Hilft mir denn keiner?

Tina M. (9b)