Kontrastansicht zur Hauptnavigation zum Hauptinhalt
0

Juni 1945

"Die fünfte Entlassungsliste wegen NSDAP-Mitgliedschaft und politischer Betätigung im Dritten Reich ist am Rathaus angeschlagen. Sie führt 18 Namen auf.

Zur Zeit sind in Betrieb: 18 Bäckereien und der Konsumverein in Heilbronn, 15 in Böckingen, sechs in Neckargartach, fünf in Sontheim; 14 Metzgereien in Heilbronn, elf in Böckingen, fünf in Neckargartach, vier in Sontheim und außerdem die Freibank in Heilbronn.

Mit der Wahrung der Geschäfte der Reichsbank-Nebenstelle Heilbronn ist vorläufig die Handels- und Gewerbebank AG beauftragt.

Aufruf der Reichsbahndirektion Stuttgart an die Eisenbahn- und Oberbauarbeiter, sich zur Arbeit zu melden, damit die zerstörten Bahnlinien zum Transport lebenswichtiger Güter wiederhergestellt werden können.

Die Allgemeine Ortskrankenkasse hat ihre Arbeit wieder aufgenommen, und zwar im Kaiser-Otto-Anwesen (Happelstraße 59)."

"Aufruf des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), unterzeichnet von Fritz Reinhardt, und der Vereinigung der Bauunternehmungen, unterzeichnet von Hermann Koch, an die Bauarbeiter und -handwerker zur Rückkehr in die Stadt bis zum 15. Juni. Wer sich bis dahin nicht einfindet, hat keinen Anspruch auf Beschäftigung.

Das Ernährungsamt B – Stadt fordert die Kleinverteiler von Obst und Gemüse auf, ihre Anschrift und Kundenzahl der Bezirksabgabestelle für Obst und Gemüse (Wilhelmstraße 15) mitzuteilen. Annahmestellen für Erzeuger (Landwirte und Kleingärtner) sind die Firmen Harder, Meiser & Co. (Sontheimer Straße 61) und Hey & van der Hamm (Happelstraße 17).

Auf Befehl der amerikanischen Militärregierung wurde die Gauwirtschaftskammer Heilbronn aufgelöst und dafür die Industrie- und Handelskammer Heilbronn gegründet. Ihren Sitz hat sie zunächst in der Bruckmannstraße 28. Zu ihrem Präsidenten wird heute von OB Emil Beutinger Großkaufmann Karl Frey bestellt."

"'Deklaration in Anbetracht der Niederlage Deutschlands und der Übernahme höchster Autorität hinsichtlich Deutschlands durch die Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika, der Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken und des Vereinigten britischen Königreichs und durch die Provisorische Regierung der Französischen Republik', durch welche die genannten Staaten die höchste Regierungsgewalt in Deutschland für sich beanspruchen und in 15 Artikeln ihre aus der vollständigen Niederlage und bedingungslosen Kapitulation sich herleitenden Forderungen bekanntgeben. Unterschrieben von dem amerikanischen General Dwight D. Eisenhower, dem sowjetischen Marschall Georgi K. Schukow, dem britischen Feldmarschall Bernard Law Montgomery und dem französischen General Jean Joseph Marie de Lattre de Tassigny, tritt sie am heutigen Tag um 18 Uhr mitteleuropäischer Zeit in Kraft."

"Die Verdunklungsmaßnahmen sind ab heute offiziell aufgehoben; praktisch hat sich seit der Besetzung der Stadt niemand mehr um diese Anordnung gekümmert. Die Schutzbauten vor den Kellern sollen von den Gehwegen entfernt werden.

Aufforderung der Stadtverwaltung an die Pächter städtischer Grundstücke, ihr Pachtgeld hälftig zum 1. Juli und 15. September zu bezahlen. ('Die Stadt braucht Geld. Die Kassen sind leer.')

Die Evangelische Gesamtgemeinde hält an folgenden Stellen Sonntagsgottesdienste ab: Krematorium, Schweinsbergstraße 21, Olgastraße 60, Seminar (Wartbergstraße), Waldkirche auf dem Gaffenberg und Martin-Luther-Kindergarten. In letzterem findet täglich auch eine Frühandacht statt. Die Gottesdienste werden versehen von Dekan D. Dr. Julius Rauscher, den Stadtpfarrern Dr. Otto Jäger, Dr. Eberhard Dieterich und Wilhelm Fröhlich sowie von Missionar Friedrich Looser."

"Das Military Government Detachment H2C3 Heilbronn ist aus dem Erdgeschoß des Rathauses, Cäcilienstraße 60, in das Gebäude Wilhelmstraße 11 umgezogen.

In Neckargartach ist an die Stelle von Karl Schlör wiederum August Ellinger als BM getreten. Als Polizeihauptmann fungiert Ludwig Stern.

In Heilbronn werden die Baulinien Im Gemmingstal, in der Schweinsbergstraße, Gneisenaustraße und Villacher Straße nach den Lageplänen vom 25. Mai 1945, im Stadtteil Neckargartach in der Hindenburgstraße, Wimpfener Straße, Mühlbach- und Backhausstraße nach dem Lageplan vom 31. Mai 1945 geändert."

"Zur Trümmerbeseitugung werden deutsche Kriegsgefangene aus dem Böckinger Lager durch die amerikanische Militärregierung eingesetzt."

"Im Straßenverkauf erscheint eine Sonderausgabe der Frankfurter Presse, die die Deklaration der Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika, der Sowjet-Union, Großbritanniens und der Republik Frankreich vom 5. Juni verbreitet.

Nach einer Feststellung des Ernährungsamts B – Stadt ist die Einwohnerschaft innerhalb fünf Wochen um über 3.000 auf 35.700 Bewohner gestiegen."

"Der Liste Nr. 6 zufolge sind bis jetzt aus Stadtverwaltung, Landratsamt und Kreissparkasse 102 Personen wegen NSDAP-Mitgliedschaft bzw. nationalsozialistischer politischer Betätigung entlassen worden.

Die Freiwillige Feuerwehr Heilbronn ist jetzt unter Feuerwehrinspektor Ernst Haag einsatzbereit.

Als weitere Bankinstitute werden im Stadtteil Neckargartach (Heilbronner Straße 10) die Württembergische Landwirtschaftsbank GmbH und die Landwirtschaftliche Genossenschafts-Zentralkasse wieder eröffnet."

"Von der französischen Militärregierung in Stuttgart wird eine zentrale Landesverwaltung berufen, die auch für das amerikanisch besetzte Württemberg zuständig ist. Zum Chef der Verwaltung des Inneren wird Fritz Ulrich ernannt. Er war bis 1933 Redakteur der hiesigen Zeitung Neckar-Echo und Landtags- sowie Reichstagsabgeordneter. Während des Dritten Reiches wurde er mehrmals verhaftet und ins KZ eingeliefert. Seinen Wohnsitz hat er in Heilbronn, wo er bis Kriegsende seine Weinberge bestellte. Ulrich war erst nach langem Zögern bereit, das ihm angetragene Amt anzunehmen. Gründe dafür waren u.a. Willkürakte der französischen Militärregierung und die Tatsache, daß er, trotz seiner politischen Verfolgung durch die Nationalsozialisten, von einem Räumungsbefehl der amerikanischen Besatzungstruppen betroffen wurde, die seine Heilbronner Wohnung zur Unterbringung ihrer Angehörigen beschlagnahmt hatten."

"Zur Neuaufstellung der Personenkartei des polizeilichen Meldeamtes soll die Bevölkerung vom 14. – 23. Juni die neuen Meldevordrucke ausfüllen und in den Polizeirevieren abgeben. In Heilbronn (Kernstadt) bildet das Gebiet südlich der Kaiserstraße das Polizeirevier II mit Sitz in den Löwenwerken (Eingang Austraße). Das polizeiliche Meldeamt befindet sich in der Lerchenstraße 79 (Haus Adolf Pfleiderer)."

"Dr. Rudolf Brauch gibt die Verantwortung für die Stadtpolizei an Polizeirat Karl Hummel ab; OB und Landrat Emil Beutinger ernennt ihn stattdessen zum stellvertretenden Landrat."

"Verkauf der in den Stadtanlagen beschädigten Bäume durch das Liegenschaftsamt. Sie werden als Brennholz oder zu Ausbesserungszwecken genutzt.

Anstelle des bisherigen Nachrichtenblattes der 6. Heeresgruppe Die Mitteilungen werden Süddeutsche Mitteilungen verteilt, als deren Herausgeber die 12. Heeresgruppe verantwortlich zeichnet. Die Ausgabe vom 16. Juni wird heute kostenlos ausgegeben.

Im Alt-Böllingerhof, dessen Gebäude samt Scheunen beim Kampf um Heilbronn abgebrannt sind, wird mit der Aufstellung einer Reichsarbeitsdienst-Baracke und zweier Behelfsheime begonnen; die Fertigstellung zieht sich bis Mitte Juli hin."

"Erste Tagung aller Landräte der US-Zone in Murrhardt.

OB Emil Beutinger fordert zur Einschränkung in der Wohnraumbenutzung und zur Meldung aller entbehrlichen oder leerstehenden Wohnräume auf, damit diejenigen, die für den Aufbau der Stadt wichtige Arbeit leisten und deshalb nach Heilbronn zurückkehren sollen, untergebracht werden können.

Im Stadtteil Neckargartach werden 30 Straßen neu- bzw. umbenannt.

Die Ausgehzeit wird auf 5 – 21:30 Uhr festgesetzt."

"Abkommen zwischen den USA und der Republik Frankreich über die endgültige Einteilung der Besatzungszonen. Frankreich zieht sich in das Gebiet südlich der Autobahnlinie Karlsruhe – Stuttgart – Ulm zurück.

Ab heute werden Hunderte von Russen (Männer, Frauen und Kinder) von den Amerikanern aus den Kasernen auf der Fleiner Höhe abtransportiert. Sie werden auf amerikanischen Wagen, die mit Zweigen und Bäumchen geschmückt sind, an denen rote Fahnen wehen – auch Leninbilder sieht man zuweilen –, zum Hauptbahnhof gebracht, wo Sonderzüge nach Osten bereitstehen."

"Ein Aufruf von OB Emil Beutinger macht die Einwohnerschaft auf die Einsturzgefahr der Häuserruinen, die insbesondere bei regnerischem Wetter und Sturm drohe, aufmerksam. Infolge des Mangels an geeigneten Arbeitskräften und Sprengstoffen ist die Beseitigung dieser Gefahr nicht möglich."

"Wiedereröffnung der Handwerkskammer Heilbronn anstelle der aufgehobenen Kreishandwerkerschaft Heilbronn.

In der Kernstadt sind wieder sechs Gaststätten in Betrieb: Palmbräu (Ernst Esch) in der Wilhelmstraße 58, Europäischer Hof (Karl Häberer) in der Wilhelmstraße 68, Stadt Heilbronn (Edwin Kaden) in der Sontheimer Straße 19, Uhlandslinde (Eugen Klotzenbücher) in der Uhlandstraße 70, Royal (Willi Mayer) in der Bahnhofstraße 33 und Schlachthof (Christian Schaich) in der Frankfurter Straße 83.

In der abgelaufenen 76. Zuteilungsperiode gab es pro Person 1000 g Fleisch, 12.000 g Brot, 600 g Kochmehl, 125 g Fett, 125 g Butter oder Speiseöl, 125 g Käse und 1000 g Zucker."

"Die Freiwillige Feuerwehr braucht noch 40 Helfer; alle südlich der Cäcilienstraße und Lerchenstraße wohnenden Männer zwischen 23 und 40 Jahren werden aufgefordert, sich zu melden.

Alle Firmeninhaber und für Unternehmen Zeichnungsberechtigten sollen sich bei OB Emil Beutinger melden.

Das Wirtschaftsamt Württemberg setzt nach Aufnahme seiner Tätigkeit die von den hiesigen Ernährungsämtern für die 76./77. Zuteilungsperiode ausgegebenen Lebensmittelkarten für die beginnende 77. Zuteilungsperiode (25. Juni – 22. Juli) außer Kraft. An deren Stelle treten die neuen, vom Wirtschaftsamt ausgegebenen und von der amerikanischen Militärregierung genehmigten Karten.

In der 77. Zuteilungsperiode werden in der Stadt einschließlich der Vororte 28.025 Erwachsene, 4.568 Jugendliche, 2.760 Kinder, 2.039 Kleinkinder (3-6 Jahre) und 1.622 Kleinstkinder, zusammen 39.014 Versorgungsberechtigte und Selbstversorger, vom Ernährungsamt B – Stadt betreut, dazu 178 Erwachsene und zwölf neugeborene Kinder, die sich in Gemeinschaftsverpflegung (Altersheim, Frauenklinik Sontheim, Stadtgefängnis) befinden. Von den 39.014 Personen sind 20.616 männlich und 18.389 weiblich; 18.435 befinden sich in der Kernstadt, 11.021 in Böckingen, 5.570 in Neckargartach und 3.988 in Sontheim. Es werden 285 Schwerarbeiter, 52 Schwerstarbeiter, 298 Ausländer (die nicht im Ausländerlager untergebracht sind und dort verpflegt werden) und 290 werdene und stillende Mütter gezählt. Die Zahl der lagermäßig untergebrachten Ausländer ist nicht bekannt. Ferner befinden sich unter den 39.014 Personen 762 Voll- und 1.592 Teilselbstversorger."

"Die neueste Liste von OB und Landrat Emil Beutinger führt 22 wegen NSDAP-Mitgliedschaft bzw. nationalsozialistischer politischer Tätigkeit entlassene Personen auf.

Alle seit dem 8. Mai aus der Wehrmacht Verabschiedete haben sich unter Vorlage ihrer entsprechenden Papiere beim Landratsamt in der Dittmarstraße 68 (Villa Flammer) zu melden.

Das Büro der Stadtwerke ist von der Südstraße 100 in die Uhlandstraße 61 verlegt worden.

Der Rücktransport der Russen geht weiter. Bevor sie Heilbronn verlassen, verscherbeln einige die von ihnen gestohlenen Fahrräder im Tausch gegen Uhren und Schnaps (für ein Fahrrad 3 l Schnaps oder eine Uhr)."

"Die Stadtverwaltung sucht erfahrene Hoch- und Tiefbautechniker.

Die Finanzkasse ist ab heute wieder geöffnet, die übrigen Dienststellen des Finanzamtes nehmen ihre Arbeit am 2. Juli auf, alle im Wehrmachtsgebäude (Bismarckstraße 93). Die rückständigen Steuern sind zur sofortigen Bezahlung aufgerufen. Bankkonten hat die Finanzkasse bei der Handels- und Gewerbebank und bei der Kreissparkasse. Auch das Hauptzollamt (ebenfalls Bismarckstraße 93) nimmt heute seine Diensträume in Betrieb.

Die amerikanische Eisenbahnverwaltung will in den nächsten Tagen in den Richtungen Heilbronn – Bietigheim, Heilbronn – Eppingen und Heilbronn – Öhringen täglich zehn Personenzüge verkehren lassen, mit denen eine beschränkte Anzahl von Beamten, Angestellten und Arbeitern mit besonders ausgestellten Pässen fahren darf."

"In Nürtingen verstirbt Prälat Wilhelm Gauß im Alter von 76 Jahren. Er war von 1910 (schon als Vikar) bis 1944 in Heilbronn an der Kilianskirche tätig. Nach dem 4. Dezember 1944 evakuierte er zunächst nach Reichenbach a. d. F. Mit ihm scheidet der letzte Prälat Heilbronns aus dem Leben, da die Prälatur nach Schwäbisch Hall verlegt wurde.

Im Standesamtsregister sind für die Zeit vom 1. April – 30. Juni 1945 insgesamt 173 Todesfälle verzeichnet. Zu diesen zählen auch die während des Kampfes um Heilbronn auf Befehl von Kreisleiter Richard Drauz wegen des Hissens von weißen Fahnen Erschossenen, u.a. Stadtrat Karl Kübler, seine Frau Anna und sein Schwager, Pfarrer Gustav Beyer, sowie Kaufmann Karl Taubenberger (Sontheim). Unter den verstorbenen 87 Männern und 61 Frauen überwiegen bei weitem die Altersstufen 60 und mehr Jahre, darunter auch die hundertundeinjährige Marie Rahmer, geb. Bachmann (Sontheim). An Kindern starben 15 Knaben und 10 Mädchen, einige durch den Beschuß während des Kampfes um die Stadt.

Im Juni ist der frühere Silberschmied Walter Vielhauer als Assistent von OB Emil Beutinger in die Stadtverwaltung eingetreten; er war vor dem Dritten Reich politisch für die Kommunistische Partei tätig und deshalb später im Konzentrationslager Dachau interniert.

In den letzten Tagen haben aufgrund einer amerikanischen Anordnung ehemalige Parteigenossen der NSDAP begonnen, in den wichtigsten Straßen der Wohnviertel die Trümmer wegzuräumen. Ebenso wird Dreck und Abfall (Müllabfuhr gibt es noch nicht) abgeholt, wozu Bauern mit Kuh- und Pferdefahrzeugen und Traktoren aus den umliegenden Ortschaften herangezogen werden; der Ausbruch von Seuchen, den die Amerikaner sehr fürchten, soll damit verhindert werden.

Cilli Theilacker, geb. Oppenheimer, eine von neun Heilbronner Juden und Jüdinnen, welche die Deportation und KZ-Haft überlebt haben, kehrt in diesen Tagen von Theresienstadt, wohin sie 1944 verbracht worden war, nach Heilbronn zurück."