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März 1945

"Dreizehn Stunden lang überfliegen alliierte Luftverbände die Stadt.

Die Lebensmittelhandlung von Oskar Schwab (bisher Wartbergstraße 20) ist in die Wartbergstraße 52 verlegt worden. 
Die Warenausgabe der Darmgroßhandlung Huber & Bierhalter (bisher Frankfurter Straße 18 und 18 a), erfolgt in der Tiroler Straße 10. 
Die Parfümerie Walter Förster (bisher Sülmerstraße 35) befindet sich in der Riedstraße 3."

"Morgens und nachmittags Bombenabwurf auf den Rangierbahnhof, wobei zahlreiche Loks und Wagons getroffen werden.

In der von der NSDAP in der Priesterwaldkaserne eingerichteten „Filmbühne“ wird derzeit täglich einmal der Film „Annelie“ mit Luise Ullrich und Karl Ludwig Diehl als Hauptdarsteller gezeigt.

Die Sicherersche Apotheke (bisher Kaiserstraße 32) wird in Frankenbach weitergeführt."

"Die Samengroßhandlung Heinrich Becker AG (bisher Bahnhofstraße 17) hat ihr Büro in der Oststraße 19 und ihr Lager in Untergrießheim. Die Geschäftsadresse von Josef Koch, Gartenbau und Samengroßhandlung (bisher Schäfergasse 12) ist Im Gemmingstal 88. Die Bäckerei Adam Riedel (bisher Böhmerstraße 23, Böckingen), befindet sich Im Haselter 105. Optiker Hermann Grübele (bisher Lothorstraße 40) ist jetzt in Weinsberg tätig. Metzgermeister Karl Kreiser (bisher Gerberstraße 8) arbeitet in Nordheim bei der Metzgerei Fritz Langer. Die Firma Julius Martin, Einfuhr von Mineralölen und technischen Fetten (bisher Gustloffstraße 52 und 52 a) hat ihr Büro im Rampachertal 5 und ihr Lager in Großgartach bei der Spar- und Darlehenskasse."

"Wiederum elf Stunden lang Luftalarme."

"Sechzehn Stunden lang immer wieder Luftalarm.

Ortsgruppenleiter Max Fork gibt bekannt, dass auf Veranlassung der NSDAP-Kreisleitung die Ortsgruppe Altstadt und Wartberg zusammengelegt werden. Die gemeinsame Dienststelle befindet sich in der Kernerstraße 14.

Um das Handels- und das Vereinsregister von Heilbronn und Brackenheim neu anlegen zu können, ruft das Amtsgericht Heilbronn alle in den Handelsregistern eingetragenen Firmen und alle in den Vereinsregistern eingetragenen Vereine auf, sich schriftlich bei der örtlichen Zweigstelle des Heilbronner Amtsgerichts, Krugstraße 32, zu melden.

Seit einigen Wochen sind wegen Kohlenmangels die Siedepfannen des Salzwerks stillgelegt. Deshalb wird nur noch ungereinigtes Steinsalz verkauft.

Das Betten- und Wäschehaus Eugen Palm (bisher Fleiner Straße 6) führt seinen Verkauf im Keller des Hauses Fleiner Straße 1 weiter.

In diesen Tagen verlässt SS-Standartenführer Polizeidirektor Karl d'Angelo – angeblich um seine sterbende Mutter zu besuchen – Heilbronn und kehrt nicht wieder zurück. Seine Leiche wird am 13. Mai 1945 im Rhein bei Gernsheim gefunden."

"OB Heinrich Gültig lädt die Ratsherren zu einer Sitzung am 27. März in das Jägerhaus ein. Ob diese tatsächlich noch stattgefunden hat, ist nicht sicher.

Aufgrund des Gesetzes über die Hitler-Jugend vom 1. Dezember 1936 ruft Bannführer Richard Schwarzkopf alle in Heilbronn-Stadt wohnenden Jungen und Mädchen, die zwischen dem 1. Juli 1930 und dem 31. Dezember 1931 geboren wurden, auf, in tadelloser Dienstkleidung am Trappensee (Haltestelle) anzutreten. Es findet beim Jägerhaus ein Vorbereitungsdienst für den Tag statt, an dem die Jugend auf Adolf Hitler verpflichtet wird.

Zur Wiederaufnahme des Unterrichts finden sich die Schüler und Schülerinnen der drei Heilbronner Oberschulen (Klassen 1 bis 6), die in die Gemeinden Sontheim, Flein, Talheim, Schozach, Ilsfeld, Auenstein und Abstatt evakuiert wurden, im Schulhaus in Talheim ein.

Dem Wirtschaftsamt stehen derzeit monatlich nur noch 1200 l Benzin zur Verteilung an Privatfahrzeuge zur Verfügung, während es noch zu Beginn des Krieges 150 000 l waren."

"Weitere Bombenangriffe auf den Rangierbahnhof.

Die Olga-Drogerie von Friedrich Pfister (bisher Olgastraße 38) wird in der Roseggerstraße 1 weitergeführt. Das Büro der Kohlenhandlung Rupert Kucher befindet sich in der Ernst-Weinstein-Siedlung, Eichenhof 6.

Die Schüler und Schülerinnen der drei Heilbronner Oberschulen (Klassen 1 bis 6), die in den Gemeinden Böckingen, Frankenbach, Kirchhausen und Neckargartach wohnen, finden sich im neuen Schulhaus in Frankenbach ein, um den Unterricht wieder aufzunehmen, die in den Gemeinden Horkheim, Klingenberg, Nordheim, Nordhausen und Dürenzimmern Wohnhaften im alten Schulhaus in Nordheim.

Die Heilbronner Volksbildungsstätte der NS-Gemeinschaft KdF (bisher Friedensstraße 62) befindet sich jetzt in der Zietenstraße 8."

"Zahlreiche Jagdbomberangriffe auf Heilbronn, zumeist im Bahnhofsgebiet. Die britischen Piloten halten als Beobachtung fest: 'Heilbronn ist vollkommen zerstört und scheint ohne Leben zu sein'.

Aufgrund der Frontnähe des Gaues Württemberg-Hohenzollern kommt ab heute zu den bisherigen Warnsignalen 'Kleinalarm' und 'Fliegeralarm' ein weiteres Warnsignal 'Akute Luftgefahr' hinzu: zwei etwa jeweils 2 Sekunden dauernde Heultöne, die als Hinweis auf einen unmittelbar bevorstehenden Fliegerangriff dienen. Bei diesem Alarm muss die Bevölkerung unverzüglich die im Haus gelegenen Luftschutzräume aufsuchen; wer sich im Freien befindet, muss sofort in Deckung gehen; es bleibt keine Zeit entfernter liegende Luftschutzräume aufzusuchen.

Die am 4. Dezember 1944 beschädigte Geyersche Klinik (Oststraße 24) ist so weit wieder hergestellt, dass die Ärzte des städtischen Krankenhauses sowie ein Augenarzt, ein Zahnarzt, ein Facharzt für innere Erkrankungen sowie ein Hals-, Nasen- und Ohrenarzt dort ihre Sprechstunde aufnehmen können. Außerdem wird dort eine Notapotheke eingerichtet. Seit dem 4. Dezember war die ärztliche Versorgung der Bevölkerung nicht mehr gewährleistet.

Infolge eines nächtlichen Zusammenstoßes im Weinsberger Eisenbahntunnel von einer Lokomotive mit einem Güterwagen ist die Strecke nach Öhringen gesperrt. Die aus dieser Richtung nach Heilbronn pendelnden Arbeitskräfte versuchen zu Fuß oder durch Mitfahrgelegenheiten auf Lastwagen die Stadt zu erreichen."

"Wieder zahlreiche Jagdbomberangriffe den ganzen Tag über. Die Stimmung in der Bevölkerung wird dadurch und auch durch die sich widersprechenden Nachrichten bezüglich des Vorrückens der Front immer aufgeregter und bestürzter.

NSDAP-Kreisleiter Richard Drauz schießt zusammen mit mehreren Begleitern auf einen abgestürzten amerikanischen Piloten, der sich als Kriegsgefangener ergeben hatte. Wer von den Schützen den tödlichen Schuss abgegeben hat, bleibt ungeklärt. Drauz wird wegen dieser Tat nach Kriegsende von der CIC verhaftet, in Dachau als Kriegsverbrecher angeklagt und zum Tode verurteilt und am 4. Dezember 1946 in Landsberg hingerichtet."

"Die Zahl der Jagdbomberangriffe erreicht den Tageshöchststand des ganzen Kriegs. Das Gaswerk wird durch Treffer auf einige Ofenkammern und den zweiten Gasbehälter völlig ausgeschaltet."

"In Neckargartach wird der Volkssturm aufgerufen. Am Ortseingang sollen Panzersperren errichtet werden.

Durch die Angriffe der letzten drei Tage sind im Böckinger Rangierbahnhof hunderte von Zentnern Lebensmittel und Millionen Stück Zigaretten vernichtet worden.

Oberstudiendirektor Adolf Geiger händigt den Schülern der Robert-Mayer-Oberschule, die bisher als Luftwaffenhelfer eingesetzt waren und nun zu Wehrmacht eingezogen werden sollen, Bescheinigungen über ihren Schulbesuch und ein Abschlusszeugnis mit Vorsemesterbescheinigung aus.

Seit letzter Woche passiert ein Strom von Flüchtlingen aus der Pfalz, vor allem aus den Städten Ludwigshafen und Mannheim, die bereits von amerikanischen Truppen besetzt sind, per Schiff, Bahn, Auto oder zu Fuß die Stadt."

"Angesichts der zahlreichen Jagdbomberangriffe und der heranrückenden amerikanischen Truppen gibt die NSDAP-Kreisleitung den Befehl aus, dass im Falle der drohenden Besetzung der Stadt die Kanal- und Industrieanlagen sowie alle Lager mit Vorräten gesprengt werden sollen. Zwischen NSDAP-Kreisleiter Richard Drauz, der sich in diesen Tagen intensiv mit Plänen der Evakuierung der Bevölkerung befasst und willens ist, den anrückenden Amerikanern nur „verbrannte Erde“ zu hinterlassen, OB Heinrich Gültig und Oberst Walter Hellwig wird das Für und Wider einer Verteidigung der Stadt diskutiert.

Das Elektro- und Radiogeschäft Julius Rüdenauer (bisher Lohtorstraße 8) führt seinen Verkauf Im Breitenloch 13 weiter."

"Die Front rückt schnell näher. NSDAP-Kreisleiter Richard Drauz droht allen, die sich den Sprengbefehlen widersetzen, mit Erschießung. Die Sprengung der Brücken wird einem Pionierzug und einem Polizei-SS Kommando übertragen. Die Sprengung der Industriebetriebe soll Kreisstabsführer Karl Link in Verbindung mit der Technischen Nothilfe durchführen.

OB Heinrich Gültig ordnet an, dass die Stadtverwaltung über Ostern normal weiterarbeiten soll und keine Beurlaubungen genehmigt werden.

In Erwartung eines etwaigen Räumungsbefehls ist die Stimmung in der Bevölkerung gedrückt. Von den Banken wird viel Geld abgehoben, was zu langen Menschenschlangen vor der Kreissparkasse führt. In den Lebensmittelgeschäften werden „Marsch-Vorratseinkäufe“ gemacht, wobei in einigen Geschäften Waren ohne die Entgegennahme von Lebensmittelkarten abgegeben werden, was aber sofort wieder untersagt wird.

Zur Wiederaufnahme des Unterrichts finden sich die Schüler und Schülerinnen der drei Heilbronner Oberschulen (Klassen 1 bis 5), die in den Gemeinden Großgartach, Schluchtern, Schwaigern, Stetten a.H., Massenbach und Massenbachhausen wohnen, im Schulhaus in Schwaigern ein.

Das KZ Neckargartach wird geräumt und seine Insassen nach Dachau verlegt. Die Gehunfähigen werden mit der Bahn abtransportiert, ansonsten werden mehrere Gruppen auf unterschiedlichen Wegen zu Fuß los geschickt. In den gut sieben Monaten seines Bestehens sind im Lager Neckargartach schätzungweise 295 Häftlinge (191 sind namentlich bekannt und belegt) an allgemeiner Entkräftung, Lungenentzündungen und Flecktyphus, verursacht durch den Mangel an Nahrung und Kleidung sowie durch miserable hygienische Zustände, ums Leben gekommen. Weitere von ihnen sterben – zum Teil auch durch Gewaltanwendung der SS-Wachmannschaften – auf dem mühsamen Fußweg nach Dachau."

"Über die Weinsberger Straße, die Ost- und die Haller Straße rollen ununterbrochen deutsche Panzer und Geschütze nach Osten. Es verbreitet sich das Gerücht, dass infolge des Widerstandes von Oberst Walter Hellwig und OB Heinrich Gültig gegen eine Verteidigung der Stadt von diesem Plan Abstand genommen worden sei.

Abends wird damit begonnen, die Heilbronner Brücken für ihre Sprengung zu unterminieren. Auch die Schiffe werden mit Sprengladungen versehen, da sie versenkt werden sollen.

Das Heilbronner Tagblatt erscheint zum letzten Mal."

"Heilbronn und ein Umkreis von 10 km werden zur Festung erklärt. Auf ein bestimmtes Stichwort hin soll die zwangsweise Räumung der Stadt nach Ortsgruppen unter der Führung von Ortsgruppenleitern und Politischen Leitern erfolgen. Wer zurückbleibt, soll auf Befehl von NSDAP-Kreisleiter Richard Drauz als Saboteur und Verräter behandelt, also erschossen werden. Bis zur Beendigung des Aufmarsches der seit gestern einrückenden deutschen Truppenreserve soll der Volkssturm die amerikanische Armee aufhalten. OB Heinrich Gültig wird zum Bataillonsführer des Volkssturms ernannt und setzt Stadtrat Karl Kübler zum kommissarischen Stadtoberhaupt ein.

Die Lebensmittellager erhalten für sämtliche Fahrzeuge einen Evakuierungsbefehl und einen Marschbefehl für Ostersonntag, den 1. April, in Richtung Beilstein, Löwenstein und Murrhardt. Die EDEKA verlagert ihre Vorräte bereits in Richtung Weinsberg."

"Von 7 bis 19 Uhr fast ununterbrochen Luftalarm und Jagdbomberanflüge mit Bordwaffenbeschuss und Bombenabwürfen vorwiegend im Bereich des Bahnhofs und der Gleisanlagen.

Ein Flugblatt mit dem Titel 'Tod allen Schädlingen', vermutlich von der NSDAP-Kreisleitung verfasst, droht allen Spionen und ängstlichen Volksgenossen."