"Trau! Schau! Wem?" Kaiserattentate, Sozialistengesetze und Heilbronner Sozialdemokratie

vorgestellt von Ulrich Maier

Wenige Tage nach dem zweiten Attentat im Jahre 1878 auf Kaiser Wilhelm I. verfassten Gustav Kittler, der Vorsitzende der sozialistischen Arbeiterpartei in Heilbronn zusammen mit Abraham Gumbel, dem Sohn des Heilbronner Bankiers Isaak Gumbel, das Flugblatt "Trau! Schau! Wem?", das zu den bedeutendsten Quellen der Arbeiterbewegung in Württemberg zählt.

Der damals 29-jährige Schreinermeister Gustav Kittler unterzeichnete als Herausgeber, während die Beteiligung Abarahm Gumbels an der Formulierung des Flugblattes zwar nicht gesichert ist, aber als sehr wahrscheinlich angenommen werden kann. Beide arbeiteten bei der Aktion eng zusammen. Gustav Kittler berichtet in seinen Erinnerungen, dass Gumbel die Verteilung in Kittlers Wohnung organisierte, während Kittler selbst das Pflichtexemplar auf dem Königlichen Oberamt abgab.

Gustav Kittler und Abraham Gumbel sind bemerkenswerte Persönlichkeiten der Heilbronner Stadtgeschichte: Ersterer wurde 1885 in den Heilbronner Gemeinderat gewählt – als erster Sozialdemokrat in einem württembergischen Gemeinderat – und eröffnete 1919 als Alterspräsident die verfassungsgebende Versammlung in Württemberg. Letzterer überführte die väterliche Bank – von genossenschaftlichen Gedanken beeinflusst – 1909 in den Heilbronner Bankverein, aus dem die Volksbank Heilbronn hervorging, die ihn heute als ihren Gründer feiert.

Die Verfasser dieses Flugblattes distanzierten sich nicht nur mit gezielten Argumenten von den beiden Attentaten sondern entlarvten die Reaktionen der kaiserlichen Regierung als gezieltes Vorgehen gegen die Sozialdemokratie. Reichskanzler Bismarck hatte die Verantwortung für die Attentate auf die Sozialdemokraten geschoben und nahm sie zum Anlass für die Sozialistengesetze.

Diese Zusammenhänge werden in dem Flugblatt deutlich herausgestellt. Es zeigt damit exemplarisch das Verhältnis zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft des Kaiserreichs einerseits und der Arbeiterbewegung andererseits. Am Beispiel wie das Königliche Oberamt in Heilbronn auf das Flugblatt reagierte, wird deutlich, wie reichsgeschichtliche Ereignisse sich in der Provinz auswirkten. Das Flugblatt mitsamt seiner Vorgeschichte bzw. seinen Folgen eignet sich deshalb für eine historische Fallanalyse im Geschichtsunterricht bei der Behandlung des Deutschen Kaiserreiches von 1871 - 1918, indem es ein konkretes lokalgeschichtliches Geschehen in den Mittelpunkt stellt, das Fragen aufwirft, die es den Schülern erlauben, im Verlauf des Projekts den historischen Kontext, in dem dieses Heilbronner Flugblatt steht, analytisch herzustellen.

 
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