Quellenarbeit - Augenzeugenberichte, Bilddokumente, Zeitungsartikel

Text 1: Transkription des Artikels im Heilbronner Tagblatt vom 11. November 1938, S. 5

Volkszorn gegen die Juden

Auch in Heilbronn antijüdische Demonstrationen / Deutliche Antwort an die Juden

Wir haben gestern bereits gemeldet, daß nach Bekanntwerden des Ablebens des durch feige jüdische Mörderhand niedergestreckten deutschen Diplomaten, Parteigenossen vom Rath, sich im ganzen Reich spontane judenfeindliche Kundgebungen entwickelt haben. Der Zorn des Volkes gegen das jüdische Mördergesindel mußte sich in antijüdischen Aktionen Luft machen, denn die Erbitterung über den Mord an dem Gesandtschaftsrat vom Rath war zu groß, als daß das Volk hätte ruhig bleiben können.
Vielleicht hat das Judentum, als es den Mordplan auf einen deutschen Diplomaten ausheckte und dem Mörder die Waffe in die Hand drückte, gedacht, daß auch dieses Mal wie beim Mord an Wilhelm Gustloff die Langmut des deutschen Volkes so groß sein werde, daß es die ruchlose Tat nicht sühnen würde. Das Judentum hat es nun gemerkt: Einmal hat die Langmut und die unendliche Geduld des deutschen Volkes ein Ende.
Auch in Heilbronn fanden sich in der Nacht nach dem Bekanntwerden des Todes des deutschen Gesandtschaftsrates vom Rath die Volksgenossen zu spontanen Vergeltungsmaßnahmen zusammen. Wie in allen größeren Städten unseres Gaues, so in Stuttgart, Ulm, Ludwigsburg, Göppingen, Tübingen, Schwäbisch Hall, Laupheim, Horb, Rexingen und Haigerloch, so ging auch in Heilbronn die Synagoge als Tempel talmudistischer Rachsucht und Verschwörung in Flammen auf. In Heilbronn war es etwa um 5 Uhr in der Frühe, als das Innere der Synagoge in Flammen stand. Mit gewohnter Pünktlichkeit und Raschheit war die Feuerwehr zur Stelle, um sofort an ihre Arbeit zu gehen und die umliegenden Gebäude zu schützen. Ein Eindringen der Feuerwehrmänner in die mit Rauch und Qualm angefüllte Synagoge erwies sich auch mit Gasmasken als unmöglich.
Das Schauspiel der brennenden Synagoge hatte bald viele Volksgenossen angelockt. Besonders in den Morgenstunden, als die Volksgenossen an ihr Geschäft eilten, strömte alles zum Brandplatz. Kurz nach 7 Uhr hatten sich die Flammen durch die große Kuppel einen Weg ins Freie gebahnt. Wie ein Fanal loderten die Flammen zum Himmel empor.
Wenn man die Gesichter der zu Tausenden um den Brandplatz stehenden Volksgenossen sah und ihre Gespräche hörte, so konnte man immer wieder feststellen: Von allen wurde dieser Brand als gerechte Strafe empfunden. „Warum“, so mögen sich diese Volksgenossen schon oft gefragt haben, „dürfen die Juden in aller Welt ungestört gegen das deutsche Volk hetzen, warum dürfen sie die gemeinsten Lügen gegen uns verbreiten, warum dürfen sie deutsche Männer morden, ohne daß ihnen etwas geschieht?“ Jetzt hat das Judentum die Antwort erhalten und das Volk empfindet diese Antwort als befreiend und gerecht.
Die Maßnahmen wären jedoch nur halb gewesen, wenn sie sich nicht auch auf die heute noch bestehenden jüdischen Geschäfte erstreckt hätten. Wenn daher an den jüdischen Geschäften die Schaufenster klirrten und die Läden geschlossen werden mußten, so ist das nur die folgerichtige Fortsetzung der ergriffenen Maßnahmen gewesen. Nun wissen es alle Volksgenossen, hinter welchen Schaufenstern sich jüdische Waren verbargen und keiner wird mehr in die Versuchung kommen, in diesen Geschäften kaufen zu wollen.
Wir betonen hier ausdrücklich, daß sich auch diese Maßnahmen auf jüdische Geschäfte nur auf die Demonstration beschränkten. Keinem Volksgenossen fiel es etwa ein, sich an jüdischem Gut zu bereichern und auch nur die kleinste Kleinigkeit zu entwenden. Wir legen deshalb so großen Wert auf diese Feststellung, weil vielleicht bekannte Hetz- und Lügenblätter des Auslandes nun von Plünderungen jüdischer Geschäfte in Deutschland schreiben werden. In Deutschland wurde nicht geplündert. Die Demonstrationen gegen das Judentum verliefen in voller Disziplin, wie es beim deutschen Volk nicht anders zu erwarten ist.
Jahrelang hat das deutsche Volk leidenschaftslos die täglichen Beschimpfungen des Judentums der ganzen Welt über sich ergehen lassen. All der Schmutz und Dreck, der von den bekannten Emigrantenzentralen von Paris, London, New York fabriziert und von dort in die jüdisch beeinflußte Weltpresse geleitet wurde, hat uns nicht bis an die Schuhsohlen reichen können. Wir wissen, daß die jüdischen Machenschaften in der Welt das deutsche Volk vor kurzem an den Rand des Krieges gebracht hatten. Auch dieser Möglichkeit hat das deutsche Volk kaltblütig und entschlossen entgegengesehen. Einmal tritt jedoch der Augenblick ein, da ist die Geduld zu Ende. Der Mordbube Grünspan hat höhnisch bekannt, daß er im Namen des ganzen Judentums geschossen hat und daß er in dem unschuldigen Opfer seiner Rachsucht das deutsche Volk treffen wollte. Kein Jude kann sich von dieser Blutschuld reinwaschen, sie mögen sich winden und drehen, wie sie wollen.
Was sich in den letzten Tagen in Heilbronn, im Gau Württemberg-Hohenzollern und im ganzen Reich abgespielt hat, ist der Ausdruck einer gerechten Empörung der breitesten Schichten des deutschen Volkes. Diese Maßnahmen als Vergeltung zu bezeichnen, wäre vielleicht schon zu viel gesagt. Ein Mord ist nicht durch zersplitterte Fensterscheiben, durch ein paar Verhaftungen oder vielleicht ein paar wohlverdiente Ohrfeigen herausfordernder Judenlümmels zu sühnen, das deutsche Volk ist auch viel zu diszipliniert, als daß es sich zu irgendwelchen „Racheakten“ hinreißen ließe. Wer Zeuge der Kundgebungen war, muß sich vielmehr über die bewundernswerte Disziplin, die trotz der unerhörten Empörung über die schamlose feige Mordtat von den Massen eingehalten wurde, wundern. Es ist nicht zu „Pogromen“ gekommen, wie die jüdisch-marxistische Auslandspresse am Tage zuvor bereits ankündigen zu können glaubte.
Es ist selbstverständlich, daß das deutsche Volk weiterhin Disziplin bewahrt. Die Ereignisse mögen dem Weltjudentum jedenfalls aber zeigen, daß das deutsche Volk nicht länger mit sich spielen läßt. Wenn man gegen deutsche Volksgenossen, ja selbst gegen die amtlichen Vertreter des Reiches die Mordwaffe erhebt, dann kann man nicht erwarten, daß die Rassengenossen in Deutschland mit Samthandschuhen behandelt werden. Auf dem Wege der Gesetzgebung wird das Judentum, wie Dr. Goebbels ankündigte, die endgültige Antwort auf die feige Mordtat in Paris erhalten.

Keine Juden mehr in Heilbronner Kinos
Die Leiter und Besitzer der Heilbronner Kinos haben beschlossen, vom heutigen Tag an keinem Juden mehr den Zutritt zu ihren Kinos zu gestatten. Dieser Entschluß ist sehr zu begrüßen und wird von der Bevölkerung mit Freuden aufgenommen werden. Es kann heute keinem deutschen Volksgenossen mehr zugemutet werden, neben einem Juden sitzen zu müssen.

Berichte von Augenzeugen

Text 2: Augenzeugenbericht Synagogenbrand

"Erst gegen 6.00 bis 6.30 Uhr wurden wir" – so erzählt ein Anwohner – "durch die lebhaften Geräusche aus der Richtung der Synagoge aufmerksam, daß sich dort etwas zugetragen haben müsse. Als wir von der Hohen Straße zur Ecke Neckar-Zeitung eilten, sahen wir bereits dichte Rauchwolken aufsteigen, und es bot sich uns dann das schauerliche Bild, wie das Gotteshaus langsam im Laufe weniger Stunden ausbrannte und die Kuppel glühend ins Innere des Hauses fiel."
(Franke, Hans: Geschichte und Schicksal der Juden in Heilbronn. Heilbronn 1963, S. 126)

Text 3: "Volkszorn gegen die Juden"?

An der ehemaligen „Neckar-Zeitung“ und am Oberamt hatten sich damals sehr schnell zahlreiche Anwohner und Neugierige eingefunden, die das ebenso erschreckende wie gigantische Bild betrachteten, das sich ihnen bot.
Die meisten von ihnen gaben ihrem Erschrecken und Unwillen Ausdruck, mußten sich freilich vor den in diesen Jahren zahlreichen umherstreichenden Spitzeln und Zuträgern hüten. Wer sich noch einen Rest von religiösem Empfinden bewahrt hatte, fühlte, wenn auch nur instinktiv, daß diese Schändung ein Verbrechen gegen die Urgesetze der Menschheit darstellte, war doch in allen Zeiten, namentlich in früheren Jahrhunderten, das Gotteshaus, der Tempel, die Zuflucht selbst der Verfolgten und als Stätte, an der Gott oder die Götter sich niedergelassen hatten, heilig. Es geschah – so fühlten sie – ein Verbrechen gegen ein Tabu.
(Franke, Hans: Geschichte und Schicksal der Juden in Heilbronn. Heilbronn 1963, S. 127)

Text 4: Ausschreitungen

Von den zahlreichen Ausschreitungen dieser Nacht, in der alle Schaufenster jüdischer Geschäfte eingeschlagen, die verängstigten Bewohner der Häuser oder Wohnungen meist in einem Raume zusammengetrieben, der übrige Teil ihrer Wohnung kurz und klein geschlagen, der Hausrat zertrümmert, die Schränke umgeworfen oder entleert wurden, man sich auch an Speisekammern und den Nahrungsmitteln vergriff – von all diesen Untaten sind nur zwei Fälle zur Aburteilung vor einem ordentlichen Gericht gekommen. [...] Im Falle Henle, Klarastraße 6, sagte der Führer dieses Trupps in der Gerichtsverhandlung aus, dass er mit fünf ihm unbekannten Männern befehlsmäßig in dieses Haus gegangen sei, um hier den Laden zu demolieren, Stoffballen auf die Erde zu werfen und unbrauchbar zu machen; ...
(Franke, Hans: Geschichte und Schicksal der Juden in Heilbronn. Heilbronn 1963, S. 129)

 

Artikel von Manuela Petzold in der Heilbronner Stimme vom 9. November 2006

Text 5: Als an der Allee ein Stück Orient verloren ging

von Manuela Petzoldt
Zwei Generationen lang war die kuppelreiche Synagoge „ein Bethaus für alle Völker“
Die Synagoge an der Heilbronner Allee, die am frühen Morgen des 10. November 1938 in Brand gesteckt worden war, galt als eines der eindrucksvollsten Bauwerke jüdischer Architekturgeschichte in Deutschland. Daher bedeutet die Reichspogromnacht für Heilbronn nicht nur den vorläufigen Höhepunkt der Verfolgung jüdischen Lebens. Die Zerstörung des 1877 errichteten monumentalen Sakralbaus stellte einen enormen städtebaulichen Verlust dar.
Exotisch Der Kultbau ragte wegen seines exotischen Äußeren auffällig aus dem Häusermeer der Umgebung heraus und setzte einen deutlichen Akzent. Kein anderes Gebäude der Stadt trug so viele Kuppeln und bediente sich solch feiner Ornamentik. Das Gebäude galt als Schmuckstück von Allee und Synagogenweg. Der Synagogenweg hatte im Jahr 1928 seine offizielle Bezeichnung erhalten, nachdem er schon lange „Judengässle“ genannt worden war. Im selben Jahr hatte die Israelitische Gemeinde intensiv verhandelt, damit der Blick auf die bislang freistehende Synagoge durch den geplanten Neubau des Postamts nebenan nicht ganz verdeckt würde.
Vorläuferbauten der Heilbronner Synagoge, die man an byzantinische, islamische oder spanisch-maurische Vorbilder angelehnt hatte, gab es im süddeutschen Raum. Es sind die Synagogen von Stuttgart (1861), Ulm (1873) und Nürnberg (1874) als Vorgänger erwähnenswert, da sie wie das Heilbronner Gebäude von demselben jüdischen Architekten und Stadtbaurat aus Stuttgart, Adolf Wolff (1832-1882), stammten.
Da bis Mitte des 19. Jahrhunderts Juden nur vereinzelt der Zugang zu technischen Hochschulen gestattet war, wurden insgesamt jedoch die wenigsten orientalisierenden Synagogen von jüdischen Bauexperten entworfen. Neben Wolff erlangte Ludwig Levy (1854-1907) mit dieser Bauweise große Bekanntheit. Seine herausragenden Werke waren die Gotteshäuser von Pforzheim (1893) und Kaiserslautern (1847).
Es waren aber Landgemeinden in der Pfalz, die in den 1830er Jahren erstmals maurische Stilformen aus Spanien für ihre Bethäuser übernahmen. Die früheste und Beispiel gebende Synagoge wurde 1832 in Ingenheim fertiggestellt. Sie bildete die Vorlage für den Bau in Weingarten bei Karlsruhe, welcher 1840 als erster im neomaurischen Stil in Baden-Württemberg errichtet wurde.
Ein Jahrhundert umwälzender Veränderungen in der deutsch-jüdischen Kulturgeschichte hatte die Voraussetzungen geschaffen, dass sich der neomaurische Baustil zur Profilierung einer nichtchristlichen Minderheit für mehrere Jahrzehnte durchsetzte und ab den 1860ern eine Blütezeit erlebte.
Zunächst hatte Moses Mendelssohn aus Dessau (1729-1786) die Ideale der europäischen Aufklärung für das Judentum fruchtbar gemacht. Die sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelnde jüdische Aufklärung, die Haskala, brachte die Modernisierung der traditionellen Lebensweise mit sich. Infolge fürstlicher Erlasse zur Emanzipation der deutschen Juden (in Württemberg 1861), denen der französische Code Civil zugrunde lag, und im Zuge zunehmender Industrialisierung bildete sich allmählich ein liberales jüdisches Bürgertum aus. Dieses organisierte sich in urbanen Großgemeinden mit Hunderten von Mitgliedern und war daran interessiert, sich gegenüber der Mehrheitsgesellschaft in geistiger, religiöser und materieller Hinsicht adäquat zu präsentieren. In geeignetem Maße sollte die Bereitschaft zur Anpassung signalisiert werden.
Heimatverbunden Eine tief greifende Neuerung bestand darin, dass man sich von der Idee der Rückkehr nach Zion und des Wiederaufbaus des antiken Tempels in Jerusalem verabschiedete. Europa wurde nicht länger als Land des Exils angesehen. Neu gebaute Gotteshäuser hießen oft „Tempel“ und fortschrittliche Juden nannten sich selbst „Israeliten“, also Träger jüdischer Religion und Kultur, die zugleich einer europäischen Nation angehörten. So gab es französische, deutsche oder ungarische Israeliten. Das wahre Jerusalem konnte nun in Berlin, Stuttgart, Hamburg oder eben auch in Heilbronn liegen. Mit einem Vers aus Psalm 122, der ungeheures Aufsehen erregte, beendete Rabbiner Joseph Maier 1861 seine Einweihungsrede für die Stuttgarter Synagoge: "Ja, dir, geliebtes Stuttgart, unserem Jerusalem, wünschen wir Heil, und rufen dir die alten Worte zu: Heil sey in deinen Mauern, Friede in deinen Palästen und Hütten.“ Ihre Stadt betrachteten die Stuttgarter Juden als Heimat. Die vordere Synagogenkuppel zierten Worte aus Psalm 132: "Das ist für immer der Ort meiner Ruhe; hier will ich wohnen, ich habe ihn mir erkoren."
Entscheidend war, dass sich das Judentum zu einer Konfession der modernen bürgerlichen Gesellschaft gewandelt hatte. Es sollte als monotheistische Religion gleichberechtigt neben der katholischen und der evangelischen Konfession bestehen. Die für das Judentum geltenden Einschränkungen öffentlicher Glaubensausübung wurden allmählich abgeschafft. Man betonte die spirituelle Herkunft von Christentum und Judentum im Orient. Der integrierte deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens besuchte den Gottesdienst mit Zylinder, Stock und Gebetbuch in deutscher und hebräischer Sprache. Äußerlich gab es keinen Unterschied zum Kirchgänger.
Wie sollten die „eingebürgerten“ Juden ihre Sakralbauten architektonisch gestalten? Auf welche Vorbilder konnte man zurückgreifen? Inwieweit durfte das jüdische Gotteshaus der christlichen Kirche angeglichen werden? Während sich im Kirchenbau die Romanik und Gotik etabliert hatten, gab es in der Geschichte der Synagogenarchitektur keine Kontinuität. Möglichkeiten der Anknüpfung boten nur die griechisch-römische Antike oder die zeitgenössischen Kunstformen in Europa. In süddeutschen Städten hatte der jüdische Gottesdienst bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts meist in unscheinbaren Betstuben des Ghettos abseits öffentlicher Straßen stattgefunden, für die Außenwelt nicht unbedingt als jüdische Gebetsstätten erkennbar. Nur größere Dorfgemeinden besaßen bereits im Mittelalter eigene kleine Synagogengebäude, die der regionalen Bauweise angepasst waren, denn die Mehrzahl der Juden lebte bis in die frühe Neuzeit auf dem Land.
Neben den Bürgerrechten kam aus Frankreich, aber auch aus England, die Mode des Orientalismus nach Deutschland, die um die Wende zum 19. Jahrhundert durch Napoleons Ägypten-Feldzug wesentliche Impulse erhielt. In Verbindung mit der deutschen Romantik und einem erstarkenden Geschichtsbewusstsein prägte sie sich in allen Bereichen des kulturellen Lebens aus. Europäische "Orientalisten" - Reisende, Literaten und Forscher - waren von der reichhaltigen Kunst der islamischen Welt fasziniert. In den Ländern zwischen Indien und Andalusien entdeckten sie Muster, Motive, Farben und Formen, die ihre Imagination beflügelten. 1842 bis 46 hatte König Wilhelm I. von Württemberg nach dem Vorbild der Alhambra im südspanischen Granada das Cannstatter Schloss Wilhelma erbauen lassen, dessen „Maurische Villa“ mit ihrem bunt dekorierten Kuppelsaal vor den beiden Weltkriegen ein bewundertes Juwel orientalischer Baukunst in Europa darstellte. Der Synagogenarchitekt Wolff hatte die Wilhelma wiederholt zu Studienzwecken besucht.
Maurisch Als das Alhambra-Fieber, man schätzte die Burg als „Ort der letzten Blüte arabischer Kultur im Abendland“, um sich griff, erblickten viele Architekten eine Chance darin, die filigrane Ornamentik des maurischen Spanien aus dem Mittelalter nachzubilden, um einen spezifisch jüdischen Synagogen-Baustil zu schaffen. Jüdische Historiker rühmten das „Goldene Zeitalter“ des harmonischen Zusammenlebens verschiedener Religionen auf der Iberischen Halbinsel. 800 Jahre lang war unter den Kalifen von al-Andalus eine arabische Kultur erblüht, in der Muslime, Christen und Juden in regem Austausch standen. Davon zeugen bis heute imposante Moscheen, Kirchen und Synagogen in Córdoba oder Toledo. Dieser Vielfalt setzte im ausgehenden 15. Jahrhundert erst die Inquisition ein Ende.
Meinungsverschiedenheiten darüber, welcher Stil den Juden angemessen sei, entzündeten sich immer wieder an der Frage, wie die Gotik historisch und theoretisch einzuordnen sei. Als 1880 der Umbau des Kölner Doms abgeschlossen war, stand fest, dass dieses Symbol des deutschen Nationaltraums zugleich die Verherrlichung des Gotischen als höchster christlicher und „germanischer“ Kunst bedeutete. Der Stil der emporstrebenden Spitzbögen war von da an für den Kirchenbau besetzt und für die Synagogen zum Tabu geworden.
Der 10. 11. 1938 in Heilbronn Die Heilbronner Bevölkerung hörte um 5 Uhr morgens zwei heftige Detonationen. Schnell fanden sich zahlreiche Neugierige ein, um das Schauspiel zu erleben, wie sich der „Tempel talmudischer Rachsucht und Verschwörung“ (Nazi-Propaganda) einem Fanal gleich in Rauch auflöste. Einige Stunden später ragte nur noch eine geschwärzte Ruine gespenstisch in den trüben Novemberhimmel. Sie blieb in stiller Anklage über ein Jahr stehen, bis Nazi-Behörden die Israelitische Gemeinde dazu zwangen, sie für 10 000 Reichsmark abtragen zu lassen. Der Abbruch war nach einem Monat im März 1940 beendet. Der Rabbiner Dr. Harry Heimann wanderte sofort 1938 nach Amerika aus. Der Kantor Isy Krämer verließ Heilbronn mit seiner Frau ein Jahr darauf und erreichte nach mehreren Lageraufenthalte in Frankreich und der Schweiz New York. 1938/39 wanderten insgesamt 303 Heilbronner Juden ab. Mindestens 171 Heilbronner Juden kamen auf einem der sechs Transporte ab 26. November 1941 um oder wurden in den Konzentrationslagern ermordet. 1933 hatte Heilbronn 790 jüdische Mitbürger. Heute leben rund 150 Juden in Heilbronn, überwiegend aus den osteuropäischen Ländern.
Würdig Zur Erinnerung an die Zerstörung der Synagogen sowie die Schändung von Geschäften und Wohnungen jüdischer Bürger während der Pogromnacht erschien am 9. November 1988 in Jerusalem eine Sonderbriefmarke. Wie bedeutsam die Heilbronner Synagoge seinerzeit war, zeigt sich daran, dass gerade sie als Motiv für die israelische Gedenkmarke ausgewählt wurde. Mit dem Bethaus an der Allee, einem Stück Orient, war das moderne Judentum einundsechzig Jahre lang ein voll integrierter Bestandteil europäischer Kultur gewesen.
Am Gedenkstein der Heilbronner Synagoge an der Allee findet am heutigen Donnerstag, 9. November, 19.15 Uhr, eine Feier statt.
Artikel der Heilbronner Stimme vom 9. November 2006, Seite 34

 
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