Arbeitsvorschläge

Stundeneinstieg

Bildquelle "Synagoge mit Neuer Post"
Als Einstieg in die Stunde kann das nebenstehende Bild der Heilbronner Synagoge neben dem Neuen Postamt verwendet werden. Eine überraschende Wendung für die Schüler ergibt sich, wenn das Bild auf dem Tageslichtprojektor gezeigt wird, wobei der rechte Teil des Bildes mit der Synagoge zunächst abgedeckt wird. Heilbronner Schüler erkennen den dargestellten Ort in der Regel sofort und bemerken bei genauerer Betrachtung, dass es sich um ein älteres Bild handelt. Im Unterrichtsgespräch können die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum heutigen Zustand besprochen werden, der Lehrer kann zur Datierung auf das 1931 eingeweihte Neue Postamt neben der Synagoge hinweisen.

Nachdem der linke Teil des Bildes besprochen wurde, wird der rechte Teil des Bildes mit der abgebildeten Synagoge aufgedeckt. Im anschließenden Unterrichtsgespräch kann zunächst geklärt werden, dass es sich um die 1877 eingeweihte Heilbronner Synagoge handelt. Nach einer kurzen Beschreibung der Bauweise (Kuppel, maurischer Stil, architektonische Bedeutung für die Stadt) ergibt sich die Frage, warum und seit wann die Synagoge nicht mehr steht. Hier können Schüler ihr Vorwissen anbringen und es kann die Überleitung zur nächsten Arbeitsphase erfolgen.

Erarbeitung mit Hilfe der Textquellen

Quellenvergleich Darstellung im "Heilbronner Tagblatt" und Augenzeugenberichte
Der Zeitungsartikel aus dem nationalsozialistisch ausgerichteten "Heilbronner Tagblatt" (s. Quellen Text 1) zeigt, wie die Nationalsozialisten die Reichspogromnacht propagandistisch umdeuteten. Die Pogrome werden als "spontane Vergeltungsmaßnahmen" des Volkes dargestellt, welches die Ausschreitungen als "befreiend und gerecht" empfunden habe. Im Gegensatz dazu stehen die Augenzeugenberichte (s. Quellen Texte 2-4), die die Aktionen als von den Nationalsozialisten gesteuert und für viele Beobachter abstoßend darstellen.

 

Aufgabe

  • Vergleiche die Darstellung der Reichspogromnacht im „Heilbronner Tagblatt“ mit den Augenzeugenberichten. Was wird jeweils darüber ausgesagt, wer für die Ausschreitungen verantwortlich ist und wie die Menschen die Ausschreitungen empfunden haben?

Vertiefung

Der Ablauf der sogenannten "Reichskristallnacht"

7. November 1938: Der 17-jährige Jude Herschel Seibel Grynszpan schießt in Paris auf den dortigen Legationssekretär [= Beamter in der deutschen Botschaft] Ernst vom Rath in dessen Amtszimmer in der deutschen Botschaft. Die Pariser Polizei nimmt den Attentäter sofort fest, vom Rath wird in kritischem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert. Grynszpan nennt als Grund für seine Tat die am 29.10.1938 in Hannover erfolgte Abschiebung seiner Eltern in den deutsch-polnischen Grenzort Zbasyn.

Der Rundfunk verbreitet am Nachmittag die Attentatsmeldung. Daraufhin kommt es in Kassel zu einer antijüdischen Kundgebung, an der sich Hunderte von Menschen beteiligen. Randalierer dringen in die Synagoge ein, richten Verwüstungen an und legen Brände, welche die Feuerwehr jedoch sofort löscht. Danach beschädigt die Menge jüdische Geschäfte und das Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde.

8. November 1938: Die Zeitungen berichten reichsweit über das Attentat und bezeichnen Grynszpan als Mörder, obwohl vom Rath noch lebt, und kündigen an: „Dieses Verbrechen kann für die Juden in Deutschland […] nicht ohne Folgen bleiben.“ Daraufhin kommt es zu weiteren Ausschreitungen in Kurhessen [= Der Name geht zurück auf das Kurfürstentum Hessen, gehörte seit 1866 zu Preußen].

9. November 1938: Das Heilbronner Tagblatt schreibt: „Als Antwort auf die Provokation von Paris, die feige jüdische Mordtat, ist es in Kurhessen zu erheblichen spontanen Demonstrationen der Bevölkerung gegen die Juden gekommen.“ Zu diesem Zeitpunkt ist vom Rath noch am Leben.

Propagandaminister Goebbels nimmt in einer aufputschenden Rede auf den um 16.30 Uhr eingetretenen Tod des Diplomaten vom Rath und die seitherigen Ausschreitungen Bezug und teilt mit, dass die Partei zwar keine Ausschreitungen und Demonstrationen gegen Juden organisieren, solchen – falls sie spontan entstünden – aber auch nicht entgegenwirken würde. Die Zuhörer verstehen genau, was gemeint ist: Es handelt sich um eine Aufforderung zu einem Judenpogrom [= Unter einem Pogrom versteht man eine gewaltsame Massenausschreitung gegen Mitglieder einer religiösen, nationalen, ethnischen oder andersartigen Minderheit einer Nationalität oder Bevölkerung, verbunden mit Plünderung und Misshandlungen bis hin zu Mord und Völkermord] nach kurhessischem Vorbild.

Nach Beendigung der Goebbels-Rede gegen 23.00 Uhr übermitteln die anwesenden Gauleiter ihren um diese Zeit noch erreichbaren Mitarbeitern der Dienststellen den Befehl zur „spontanen“ Entfaltung des deutschen Volkszorns gegen die Juden.

Insgesamt werden in der sogenannten „Reichskristallnacht“ 883 Synagogen und 191 jüdische Gebetsräume ganz oder teilweise zerstört.

10. November 1938: Goebbels fordert die Bevölkerung auf, „von allen weiteren Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum, gleichgültig welcher Art, sofort abzusehen.“

12. November 1938: Hermann Göring erlegt den Juden deutscher Staatsangehörigkeit in ihrer Gesamtheit die Kontribution von 1 Milliarde Reichsmark auf und verpflichtet sie, alle in den Tagen zuvor entstandenen Schäden auf eigene Kosten zu beseitigen.

Besonderheiten in Heilbronn

9. November 1938: Etwa gegen 23.30 Uhr kommt der Befehl zu den antijüdischen Ausschreitungen telefonisch in Heilbronn an. Der örtliche Kreisleiter versucht sich bei den höheren Parteistellen mit seiner Idee einer Kontribution [= Zwangserhebung von Geldbeträgen, um sich von der drohenden Plünderung loszukaufen] von 100.000 Mark unter Verzicht auf die Ausschreitungen durchzusetzen und scheitert offenbar damit. Nach dem Scheitern der Verhandlungen ist es zu spät für das Organisieren einer breit angelegten Verwüstungsaktion. Es bleibt lediglich noch für eine Einzelaktion gegen die Synagoge als dem geistlichen Zentrum des jüdischen Glaubens Zeit.

10. November 1938: Um 5 Uhr steht die Synagoge nach vorangegangenen Detonationen in Flammen, um 7 Uhr brennt die Kuppel. Die Feuerwehr beschränkt sich auf den Schutz der umliegenden Gebäude.

Am Abend des 10. November 1938 versammeln sich auf Geheiß der Kreisleitung etwa 50 bis 60 führende und besonders überzeugte NSDAP-Mitglieder in Zivilkleidung im „Turnerzimmer“ der Harmonie. Dort werden Trupps von jeweils ca. sechs Personen unter der Leitung eines ortskundigen NS-Funktionsträgers zusammengestellt, die dann zu zahlreichen Demolierungstaten gegen jüdisches Geschäfts- und Privateigentum aufbrechen. Die Dauer einer solchen Einzelaktion, bei der der radikalen Zerstörungswut freien Lauf gelassen wird, beträgt jeweils etwa 15 bis 30 Minuten. Nur wenige Täter können in verschiedenen Prozessen nach 1945 überführt werden. Der oder die Synagogenbrandstifter bleiben gerichtsunbekannt.

11. November 1938: Nationalsozialisten bringen eine größere Anzahl meist wohlhabender Juden auch aus Heilbronn in die Konzentrationslager. Nach ihrer Freilassung – im Allgemeinen nach zwei bis drei Wochen – entschließen sich viele, wie von der Partei beabsichtigt, zur Auswanderung.

Text nach: Schrenk, Christhard: Die Chronologie der sogenannten Reichskristallnacht in Heilbronn. In: Jahrbuch für schwäbisch-fränkische Geschichte, Historischer Verein Heilbronn, Band 32 / 1992, S. 293 - 314

 

Arbeitsaufträge zum Ablauf der sogenannten "Reichskristallnacht"

  • Zeige, dass es sich nicht um "spontanen Volkszorn", sondern um von der Parteiführung organisierte Ausschreitungen handelte.
  • Wodurch versuchte die NSDAP den Anschein von "spontanen Ausschreitungen" zu erwecken?
  • Inwiefern unterschied sich der Ablauf der Ereignisse in Heilbronn von dem in anderen Städten? Was war der Grund dafür?

Zur Architektur der Synagoge

Das in maurischem Stil mit einer großen Kuppel erbaute Gebäude galt als eines der schönsten Bauwerke Heilbronns. Es war der architektonische Eckpfeiler der oberen Allee und stand hier in Richtung von Nordwest nach Südost. Die Synagoge bestand aus einem dreischiffigen Langbau mit hohem Mittelschiff und niedrigeren Seitenschiffen; das Mittelschiff war überragt von der gewaltigen, mit 12 Rundbogenfenstern versehenen Kuppel. Die vier weiteren kleineren Kuppeln saßen auf den Ecken des Baus zur Verzierung. Zwei turmartige, vorspringende Anbauten an der Vorderseite trugen ebenfalls kleinere Kuppeln auf den Laternen. Das Gebäude betrat man von der Westseite durch drei maurische Bögen und eine etwas niedere, von mehreren hintereinanderstehenden Säulen getragene Vorhalle. Von hier führten drei Türen in den Innenraum. Über dem Portal stand eine vergoldete hebräische Inschrift mit den Worten aus Jesaja 56,7: "Mein Haus soll ein Bethaus für alle Völker genannt werden."

Ein schönes, großes, reichornamentiertes Rosenfenster war in der Mitte der Vorderseite. Zwei weitere, kleinere und einfachere Portale führten von Süden und Norden in das Innere der Synagoge; auch über diesen Portalen waren große Rosenfenster. Innen trug eine über der genannten Vorhalle liegende Empore die Orgel; zwei weitere Emporen waren in den Seitenschiffen. Nach Osten öffnete sich hinter dem hohen Hufeisenbogen ein gewölbter, polygonaler Chor. Die hohe Kuppel in der Mitte wurde von starken, säulengeschmückten Pilastern getragen. An den Seiten waren zwei Fensterreihen übereinander, die unteren Fenster kleiner als die oberen. Der Synagogenplatz war mit eisernen Gittern umgeben.
Aus: www:juden-in-baden.de/synagoge_heilbronn.htm

 
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