Eine "Zähne-Arznei" von 1533 – zur Geschichte der Zahnheilkunde in Heilbronn

Die erste praktische Zahnheilkunde deutscher Sprache erschien 1530 in Leipzig. Wer die kleine "Zene-Artzney wider allerley Gebrechen und Krankheiten der Zähne" verfasst hat, ist unbekannt. Sie füllte jedoch eine Marktlücke und erlebte deshalb zahlreiche Auflagen. So hat beispielsweise der Mainzer Drucker Peter Jordan – er betrieb seine Druckwerkstatt von 1531 an im Haus "Zur Ledderhose" in der Mainzer Holzgasse – 1533 die "Zene-Arztney" in kleinem, handlichem Format neu herausgebracht. Von diesem Peter Jordan-Druck gibt es wohl nur ein Exemplar in öffentlich zugänglichem Besitz und zwar hier in unserem Heilbronner Stadtarchiv.

In Heilbronn wie andernorts waren es die örtlichen Bader, Barbiere und Wundärzte, die bis ins 19. Jahrhundert hinein für die zahnmedizinische Versorgung der Bevölkerung zuständig waren. Die drei genannten Berufsgruppen führten als heilkundige "Handwerker" oder Handwerkschirurgen (das griechische "cheirurgia" bedeutet eigentlich "Handwirken") operative Eingriffe aus, sie ließen zur Ader und versorgten Wunden. Die "Zene-Artzney" von 1533 wendet sich sowohl an sie als die erfahrenen "Meister" in der Zahnheilkunde als auch an den an Prophylaxe interessierten Laien. Jeder sollte sich frühzeitig darum kümmern, dass seine Zähne "nicht böß und stumpff" werden, denn schließlich sind sie nicht nur zum Kauen wichtig, sondern dienen auch der guten Aussprache und "zur zyrung".

Zunächst muss man erst einmal zu seinen Zähnen kommen. Eines der ersten Kapitel der "Zene-Artzney" hält Ratschläge bereit, "wie den kindern zu helffen ist, daß in [ihnen] ir zene leichtlich wagsen": Man soll die Kleinen oft baden und danach das Zahnfleisch mit einem Finger, der zuvor in warmes Hühner-, Gänse- oder Entenfett getaucht worden ist, "subtil reiben und trucken". Man kann auch das Gehirn eines Hasen nehmen, mit den genannten Fetten vermischen und auf das Zahnfleisch streichen. Wenn die Zähne durchbrechen, so nimmt man "fein subtile" Wolle vom Hals eines Schafes, taucht sie in warmes Kamillenöl und legt sie dann auf den Hals und die Wangen des Säuglings. Im Heilbronner Oberamt versuchte man früher, "schweres" Zahnen auch dadurch zu erleichtern, dass man dem Kind eine eingefettete Fledermaus um den Hals hing.

Was uns heute zum Schmunzeln bringt, hatte einen ernsten Hintergrund. Wer in den Heilbronner Totenbüchern blättert, wird feststellen, dass Jahrhunderte lang erschreckend viele Kleinkindern im Alter von fünf bis circa dreizehn Monaten an "Zahnentwicklung", "schwerem Zahnen" oder "Zahngichter" (-krämpfe) starben. Sicherlich war es – nach heutigem Verständnis – oft nicht unmittelbar das Zähnekriegen, das zum Tod der Kleinen führte. Der Heilbronner Stadtarzt Friedrich August Weber, der 1783 ein umfangreiches medizinisches Handbuch veröffentlichte, hielt "die Zeit, in welcher bey Kindern die Zähne zum Vorschein kommen, für eine der wichtigsten Perioden des menschlichen Lebens". War das Kind schon vorher schlecht versorgt und mangelhaft ernährt, stand am Ende oft ein elender Tod. Weber setzte deshalb alles daran, die Eltern darüber aufzuklären, dass sie von Anfang an ihre Kinder "in allen Stücken gesund zu erhalten bemüht sind", sie deshalb rechtzeitig ärztlichen Rat einholen und nicht auf solche "einfältigen Anhängsel" vertrauen wie die bereits erwähnte Fledermaus oder Ketten aus Päoniensamen. Seine abschließende Bemerkung, dass zur Stärkung zahnender Kinder "zuweilen einige Löffel voll Wein sehr dienlich seyn können", zeigt, dass man in der Weinstadt Heilbronn schon früh mit dem Rebensaft in Berührung kommen konnte.

 

Zurück zu unserer "Zene-Artzney" aus dem Jahr 1533, in der zunächst beschrieben wird, was den Zähnen schadet. Zu den Speisen, die "den zenen entgegen" sind, zählen vor allem gedörrte Feigen, gesottener Honig, "saure öpffel", Holzbirnen, Essig, sowie grundsätzlich alles, was "schleimicht, ankleblicht und fett" ist (was an heutige Schoko-Karamell-Riegel denken lässt). Ebenso schadet es den Zähnen, wenn sie nach dem Essen nicht mit einem "feinen reinen wasser gespület" werden, wenn man sich häufig erbricht (und die Magensäure den Zahnschmelz angreift) oder man sich bald "nach großer füllung des magens schlaffen" legt.

Aber auch wenn man diese Ratschläge befolgt und darüber hinaus bei der Ernährung alles meidet, was "bald müdericht, faul und stinckend wirdt" – vor allem Milch, alte Teige und "garstigen" Käse – ist man bei entsprechender Veranlagung vor den "Wehetagen" der Zähne nicht gefeit. Der Verfasser unseres Büchleins vermutet, dass diese Art Zahnschmerzen "eine auß den erbkranckheiten seyen, die von vatter oder mutter einem angeboren werden".

Da sich also die Ursachen nicht beheben lassen, muss man um so mehr für Linderung der Schmerzen sorgen. Zunächst reinigen Aderlass und Schröpfen den Körper von "den materien, darinnen sich der schmerz erhebt", und bevor der Patient Arzneien zu sich nimmt, sollte er prüfen, ob der Zahnschmerz durch Hitze oder Kälte ausgelöst wird. In letzterem Fall empfiehlt es sich beispielsweise, in Wein gesottene Bertramswurzel längere Zeit im Mund zu behalten. Oder man reibt das Zahnfleisch mit einem Gemisch aus Bertramswurzel, Pfeffer, Ingwer und Läuse- bzw. Wolfskraut ein (was unbestreitbar eine durchblutungsfördernde Wirkung hat). Sind die Schmerzen sehr schlimm, macht man aus den Samen von Zwiebeln, Bilsenkraut und Lauch mit "Pilsen safft" ein kleines "Küchlein", legt es auf glühende Kohlen, stülpt einen Trichter darüber und lässt den (leicht betäubenden) Rauch an die schmerzenden Zähne ziehen.

 

Wenn die Zähne auf saure und scharfe Speisen mit "Eylickeyt" (Empfindlichkeit) reagieren und wir heute zu Zahnbürste und Zahnpasta mit dem Aufdruck "sensitive" greifen, so empfiehlt die "Zene-Artzney" von 1533, auf die Zähne eine Paste aus geriebenen Mandeln, Hasel- und Walnüssen aufzutragen. Leidet man unter Parodontitis, d. h. unter "geschwer, stinckung und faulung" des Zahnfleisches, sollte man – möglichst nach einem Aderlass – zunächst das entzündete Zahnfleisch mit glühendem Kupfer, Eisen oder Gold ausbrennen lassen und dann ein Gemisch aus Butter und Rosenöl auftragen.

 

Was aber tun, wenn die Zähne "gelöchert und hol" sind? Vor allem die Backenzähne waren und sind von der "kranckheit Corosio" bedroht, denn hängen gebliebene Essensreste erzeugen eine "böse scharpffe feuchtigkeit", die die Zähne "aufrisset und etzet", bis sie hinwegfaulen. Zunächst musste das Loch und die "außfressung" mit einem "subtilen meissel, messer, feylin" ausgeschabt und gereinigt werden. Dann wurde "das löchlein mit golt blettern" gefüllt und wer sich kein Gold leisten konnte, bekam in der Regel eine Füllung aus Blei (woran ja das Wort "Plombieren" erinnert) oder – weniger dauerhaft – aus den Harzen Galbanum oder Opopanax. Zwar beschrieb der Ulmer Stadtarzt Johann Stocker bereits 1528 in seinem Arzneibüchlein "Praxis aurea" die Herstellung von Amalgam, das in einem Zahnloch "härtet wie Stein", seine Erfindung geriet jedoch in Vergessenheit, bis der Stoff ausgangs des 19. Jahrhunderts endgültig Eingang in die konservierende Zahnheilkunde fand. Ein Zahnbohrer – entwickelt aus dem Handbohrer eines Instrumentenmachers – wurde erstmals 1660 verwendet. 1883 surrte die erste brauchbare elektrische Bohrmaschine in einer (nordamerikanischen) Zahnarztpraxis und wurde von Arzt und Patienten gleichermaßen als großer Segen empfunden, da die Behandlung nun erheblich schneller ging.

Wenn der Schmerz durch nichts gestillt werden kann, blieb und bleibt als letzte Zuflucht "die außbrechung der bösen zene". Schon damals war klar, dass dies in die Hand eines erfahrenen Handwerkschirurgen gehört. Wie leicht konnte ein Zahn abbrechen oder Teile der Wurzel zunächst unentdeckt im Kiefer stecken bleiben. Deshalb sollte ein löchriger Zahn zunächst mit "Pley, Zin, Silber oder Eisen" ausgefüllt werden, bevor "man yhn mit der zangen angreifft". Danach musste der Wundarzt genau prüfen, ob die Zahnwurzel vollständig entfernt und nicht "ein beinlein von dem kinpacken abgeschellet" war.

Es ist bestimmt kein Zufall, dass es ein Zahnarzt war, der auf seiner Suche nach einem schmerzausschaltenden Mittel den Beginn der modernen Anästhesie einleitete. William Thomas Green Morton entdeckte, dass man den Patienten mit Schwefeläther in Schlaf versetzen konnte, und am 16. Oktober 1846 gelang dem Zahnarzt bei einer Kieferoperation im General Hospital in Boston die erste erfolgreiche Vollnarkose.

Als zu Beginn des Jahres 1847 die europäischen Zeitungen von diesem Meilenstein in der Chirurgie berichteten, war der Heilbronner Arzt Philipp Friedrich Sicherer einer der ersten, die es wagten, die Äthernarkose einzusetzen: Am 29. Januar erlöste er das junge Heilbronner Dienstmädchen Caroline G., das sich beherzt und von "einem natürlichen weiblichen Ehrgeiz" beseelt für dieses Experiment zur Verfügung gestellt hatte, von ihrem kariösen, vereiterten Backenzahn. Sicherers wenige Tage später veröffentlichter Bericht trug zur Akzeptanz und Verbreitung der Äthernarkose bei.

 

Aber schließlich ist nicht bei jedem Bohren oder Zähneziehen eine Vollnarkose von Nöten (auch wenn es den Nerven gut täte). Mit der Entdeckung der Lokalanästhesie 1884 erkannten auch die Zahnärzte sofort die Möglichkeit, nun die Schmerzleitung an Ober- und Unterkiefer des Patienten blockieren zu können. Die injizierte Kokainlösung, die später durch das wesentlich weniger toxische Novocain ersetzt wurde, konnte jedoch nur zusammen mit dem gefäßverengenden Adrenalin seine Wirkung entfalten. Nachdem es dem aus Heilbronn stammenden Chemiker Friedrich Stolz 1905 im Auftrag von Hoechst gelungen war, das Hormon künstlich herzustellen (= Suprarenin), hatte nun jeder schmerzgeplagte Patient die Möglichkeit, sich eine Spritze zur örtlichen Betäubung verabreichen zu lassen.

Weil die Zähne ja auch "zur zyrung" dienen, widmet sich unsere "Zene-Artzney" ausführlich der Frage, was gegen "gele und schwartze" Zähne zu tun ist. Jeder, "wer weisse zene zu behalten gedenckt", sollte Honig und anderen süßen Speisen meiden und nach ausgiebigem Genuss von (gährungsfreudigen) Getreidebreien nicht gleich schlafen gehen. Grundlage aller Pulver, "weiße zene zu machen", war Bims (zerriebener Bimsstein), oft in Verbindung mit Salz. Damit bekommt man in der Tat die Beläge herunter, den Zahnschmelz aber auch. Deshalb verzichten wir hier auf die Wiedergabe eines der Zahnpulver-Rezepte. Was wohl ganz im Sinne des Heilbronner Stadtarztes Friedrich August Weber ist, der gegen jene Zahnpulver zu Felde zog, "womit gemeiniglich die Marktschreier den Zähnen eine blendend weisse Farbe verschaffen, dieselben aber auch auf immer zu Grunde zu richten wissen".

Wer die Ratschläge im letzten Kapitel der "Zene-Artzney" beherzigte, wird es wohl kaum nötig gehabt haben, sich mit aggressiven Pülverchen die Zähne zu ruinieren. Da Zahnbürsten im 16. Jahrhundert noch unbekannt waren, sollte man morgens die Zähne und das Zahnfleisch mit einem "grob leinenn düchlein" reinigen und – damit "das fleisch nicht schwindet" – den Mund mit in Wein gekochter Myrrhe ausspülen. Auch nach jeder Mahlzeit ist das Ausspülen angeraten, wobei man neben Wasser auch ruhig Bier oder Wein verwenden konnte. Zu Friedrich August Webers Zeiten ausgangs des 18. Jahrhunderts gab es zwar schon Zahnbürsten, der Heilbronner Arzt riet jedoch von ihrer Verwendung ab, da die Borsten viel zu hart seien und empfiehlt stattdessen ein an einem "dienlichen Stiele befestigtes Schwämmchen" oder eine "reine Serviette". Auch heute kann man sich bei falscher Putztechnik trotz ausgefeiltester Multi-Tuft- und Super-Flex-Zahnbürste unwiederbringlich den Zahnschmelz hinwegschrubben.

 
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