Lina Weßel (1886-1979)

Die Tochter des Stockfabrikanten Gustav Adolf Marquardt war das erste Mädchen, das ab dem Schuljahr 1905/06 das Karlsgymnasium in Heilbronn besuchen und dort 1907 auch das Abitur ablegen durfte. Von 1893 bis 1902 hatte sie zunächst die höhere Töchterschule in Heilbronn besucht. Dann war sie an das Mädchengymnasium nach Karlsruhe gewechselt – übrigens die erste Anstalt in unserem Raum, an der Mädchen das Abitur ablegen konnten. Dort blieb sie nur ein Schuljahr lang, bevor sie wieder nach Heilbronn zurückkehrte. Den Antrag auf Genehmigung ihrer Aufnahme im Karlsgymnasium, die bei der Ministerialabteilung für die höheren Schulen in Stuttgart eingeholt werden und der auch der Heilbronner Gemeinderat zustimmen musste, stellte ihr Vater.

Es war ein offenes, interessiertes Elternhaus, in dem Lina Marquardt groß wurde. Und so traf das kluge Mädchen offensichtlich auf wenig Hindernisse bei seinem damals noch recht ungewöhnlichen Wunsch nach höherer Schulbildung und einer qualifizierten Berufsausbildung. Nach dem Abitur studierte sie Medizin in München, Heidelberg – wo sie im Februar 1910 das Physikum ablegte – und Leipzig, wo sie von Oktober bis Dezember 1912 das medizinische Staatsexamen absolvierte. 1914 promovierte sie dort „Über Fibrosarkom der Orbita“ – eine Abhandlung über bösartige Fasergeschwulste in der Augenhöhle.

Leipzig war nicht nur in beruflicher, sondern auch in privater Hinsicht eine wichtige Station in Lina Marquardts Leben, lernte sie doch dort beim Studium den aus Clausthal stammenden Otto Weßel kennen. Die beiden heirateten 1916 in Heilbronn.

Mit der Geburt des ersten von insgesamt drei Kindern gab Lina Weßel ihre Berufstätigkeit auf. Die junge Familie zog Anfang 1919 nach Heilbronn, da sich hier für Dr. Weßel die Möglichkeit bot, als Assistenzarzt in die Gutbrodsche Frauenklinik (Karmeliterstraße 64) einzutreten. Dort wurde er zum Facharzt für Frauenheilkunde ausgebildet. Nach dem Tod von Dr. Otto Gutbrod (1875-1923) übernahm Dr. Otto Weßel die Leitung der Privatklinik, der auch das städtische Entbindungsheim angegliedert war. Lina Weßel widmete sich fortan vor allem ihrer Familie und half nur im Bedarfsfall in der Klinik ihres Mannes aus.

 
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