Mit scharfem Blick und ruhiger Hand - Karl Weingand

Seit über 30 Jahren ist das Modell von Heilbronn, das die Reichsstadt um das Jahr 1800 zeigt, Mittelpunkt der stadtgeschichtlichen Ausstellung im Deutschhof.

Sein Erbauer, Karl Weingand, wurde am 5. Dezember 1882 in Straßburg geboren. Sein Vater stammte aus einer alten Heilbronner Familie. Karl Weingand absolvierte eine Lehre als Bankkaufmann und übte diesen Beruf bis zu seiner Pensionierung 1948 aus.

1914 hatte er Emma Schliz aus Tettnang geheiratet; das Ehepaar zog fünf Kinder groß. Beide teilten die große Freude an alten Städten und insbesondere an Fachwerkbauten. Dazu kamen die passenden handwerklichen Fähigkeiten, so dass sie den Modellbau zu höchster Perfektion brachten. Karl Weingand übernahm den minutiösen „Rohbau“ der Häuser, Emma Weingand hatte die künstlerische Gewandtheit, mit der sie die diffizile Bemalung meisterte.

Nach dem Tod der Mutter 1956 übernahm Tochter Lore diesen Part, die dann auch den Großteil der Heilbronner Häuser bemalte. Gesellenstück der Weingands war gewissermaßen das Modell von Alt-Stuttgart, das 1955 bei der Landesausstellung am Killesberg gezeigt wurde.

1956 schlossen die Stadt Heilbronn und Karl Weingand einen Werkvertrag; er sollte bis Ende 1961 gegen ein Honorar von 40.000 DM ein Modell der alten Reichsstadt bauen. Nach Verzögerungen konnte es schließlich 1963 im Foyer des Rathausanbaus an der Lohtorstraße aufgestellt werden. Es zog 1976 in den Deutschhof um.

Das Modell ist mit deutlich über 1000 Gebäuden sicherlich das Meisterstück der Familie Weingand und zieht jeden Betrachter in seinen Bann.

 

Der Künstler des Scherenschnitts

Als ob ihm die Arbeit an den Modellen nicht genügt hätte, widmete sich Karl Weingand schon von Jugend an einem weiteren Hobby, das ebenfalls einen scharfen Blick und eine ruhige Hand erforderte: dem Scherenschnitt. Er fertigte über die Jahre Hunderte solcher feinen Schwarz-Weiß-Bilder, von denen das Stadtarchiv vor Jahren einen Teil gestiftet bekam. Daraus wird nun erstmals eine kleine Auswahl gezeigt.

Es geht dabei meist um Menschliches und Allzumenschliches, oft in kleinen Serien wie „Märchen“, „Stille Zecher“, „Die Wäscherinnen“, „Sport“ oder „Herzen“. Aber auch Tiere und besonders die Hunde der Familie sind fast auf jedem Blatt als Beteiligte oder Zuschauer zu finden.

 

Keine Hexe - Anna Maria Weingand

Die Familie von Karl Weingand ist auch deshalb von Interesse, weil 1694 mit der Witwe Anna Maria Weingand zum letzten Mal in Heilbronn eine Frau als Hexe verdächtigt wurde. Die Akten des Falls hatte Emma Weingand vor dem Krieg im städtischen Archiv abgeschrieben und so vor der Zerstörung beim Luftangriff 1944 gerettet. Lediglich die Ratsprotokolle mit kurzen Einträgen über den Fall blieben erhalten.

Der Hexenprozess (der streng genommen keiner war) nahm seinen Ausgang in der nordwestlichen Altstadt zwischen Lammgasse, Turmstraße, Unterer Neckarstraße und Lohtorstraße, wo der Stadtfischer Winter wohnte. Seine 12-jährige Tochter wurde von der „bösen“ Stiefmutter öfters als „Hexe“ beschimpft. Das Kind steigerte sich dann selbst in die Wahnvorstellung hinein, es würde nachts von einer Frau aus der Nachbarschaft, eben der Witwe Anna Maria Weingand, geholt und flöge dann mit ihr auf einer Gabel reitend durch die Luft zu einem auswärtigen Ort und durch den Schornstein in ein Haus. Dort träfen sich zwölf Weibsleute mit einem schwarzen Mann in grünem Rock mit Federbusch auf dem Kopf und Geißfüßen.

Ein bei der Weingandin in Quartier wohnender Soldat sollte angeblich auch geheimnisvolle Beobachtungen gemacht haben und herumerzählen. Als dem Rat dies Ende 1694 zu Ohren kam, wurde eine genaue Untersuchung mit zahlreichen Zeugenverhören eingeleitet. Der Stadtsyndicus Wolfram kam aber in ausführlicher juristischer Würdigung zu dem Schluss, dass die Anschuldigungen nicht ausreichend seien, um die Verhaftung und Folterung der Weingandin zu rechtfertigen. Der plötzliche Tod eines ihrer drei Kinder verursachte dann noch einmal Gerüchte und Verdächtigungen, letztlich wurde sie aber nicht behelligt. Nach neuen Forschungen von Klaus Fischer starb sie ein Jahr später eines natürlichen Todes.

 
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