Das Waisen-, Zucht- und Arbeitshaus

Im Frühjahr 1756 beschloss der Heilbronner Magistrat die Errichtung eines Waisenhauses. Den Anstoß dazu gab Senator Roßkampff, der die Waisenhäuser in Stuttgart und Ludwigsburg besichtigt hatte. Wie bei diesen Vorbildern sollte das Gebäude zugleich als Zucht- und Arbeitshaus dienen.
Als Platz wurde ein Grundstück vor dem Sülmertor bestimmt. Den Bauplan lieferte Baumeister Wenger aus Neckarsulm. Zur Finanzierung des Baues trug eine Sammlung innerhalb Heilbronns und in anderen Reichsstädten bei. Am 27. Oktober 1758 konnte das imposante, dreigeschossige Gebäude mit Mansarddach bezogen werden.

Aufgenommen wurden Waisen, die nicht bei Verwandten unterkommen konnten, Findelkinder, Kinder, die von ihren Eltern verlassen oder misshandelt worden waren oder denen die Verwahrlosung drohte.

Das Haus war groß und luftig; es gab eine Anstaltsköchin und es wurde ein Lehrer eingestellt. Die Waisenhausschule hatte bald einen so guten Ruf, dass sie im Mai 1765 den Status einer öffentlichen Schule erhielt.

Ein Problem war das Zusammentreffen der Kinder mit den Insassen des Zucht- und Arbeitshauses. Dies waren Personen, die gegen "Zucht, Ordnung und Anstand" verstoßen hatten, Bettler, Trinker, Arbeitsscheue und Kleinkriminelle. Sie sollten in fabrikmäßiger Heimindustrie beschäftigt werden; mit der Auswahl der Betreiber der "Cotton-Fabriquen" und der Wollspinnerei hatte der Stadtrat aber wenig Glück. Dass die Kinder des Waisenhauses mitarbeiten mussten, um "zu ihren Erziehungskosten beizutragen", ist heute befremdlich, entsprach aber dem damaligen Verständnis.

Insgesamt war das Heilbronner Waisenhaus eine sinnvolle soziale Einrichtung, dennoch beschloss der Stadtrat Anfang 1796 das Ende des Hauses. Die Kinder wurden in Pflegefamilien gegeben.

 

Im Sommer 1803 erwarb Kurfürst Friedrich von Württemberg das leer stehende Waisenhaus für 36.000 Gulden und ließ es durch seinen Hofbaumeister Nikolaus Thouret zum Palais umbauen. 1828 wurde das Gebäude von der königlichen Finanzkammer an Carl Bartholomäus Bläß verkauft. Der aus Mannheim stammende Kaufmann richtete in den Nebengebäuden eine Essig- und Bleiweißfabrik ein.

Seit April 1906 war das Gebäude wieder im Besitz der Stadt und diente als „herrschaftliches“ Miethaus. Auch als Museumsstandort war es wiederholt im Gespräch. Ab Januar 1939 wurde das Haus zur Geschäftsstelle der NSDAP-Kreisleitung umgebaut und am 1. Oktober 1942 in Betrieb genommen – auch wenn die Bauarbeiten bis 1. Januar 1944 andauerten. Die Kreisamtsleitung der NS-Volkswohlfahrt, die Stadtsiedlung Heilbronn AG und die Kreissiedlung Heilbronn eGmbH zogen ebenfalls hier ein.

Das ehemalige Bläß'sche Palais wurde am 4. Dezember 1944 zerstört. Lediglich die beschädigten Außenmauern standen noch; im November 1951 wurde der Abbruch beschlossen. Heute steht hier das K3.

 
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