Vierter Dezember

4. Dezember

Um 19.18 Uhr beginnt mit dem Abwurf von Leuchtmarkierungen ein Luftangriff der Royal Air Force auf Heilbronn. Zum Einsatz auf britischer Seite kommen über Heilbronn insgesamt 283 Flugzeuge, die in 37 Minuten auf die Stadt und den Rangierbahnhof insgesamt 830.500 kg Sprengbomben und 430.300 kg Brand- und Markierungsbomben abgewerfen. Die Luftabwehr durch Flak besteht in Heilbronn nur aus Geschützen kleinen Kalibers, die gegen hoch fliegende Flugzeuge wirkungslos sind.

Bedingt durch die überwiegende Fachwerkbauweise entsteht in der Altstadt der von den Briten geplante Feuersturm, der Rettungsbemühungen und Löschversuche so gut wie unmöglich macht. Hinzu kommt, dass die Wasserversorgung ebenfalls zerstört wird und die Abteilung der Feuerwehr in der Innenstadt samt Ausrüstung dem Luftangriff zum Opfer fällt. Kurz nach Beginn des Luftangriffs wird die Hauptschaltwarte des Elektrizitätswerks getroffen, so dass die Stadt ohne Stromversorgung ist.

Die Kernstadt wird auf einer Fläche von 2,5 auf 2 Kilometer durch Sprengbomben und den entstehenden Feuersturm völlig zerstört, der Vernichtungsgrad in der gesamten Stadt beträgt 62 Prozent. Durch diesen Angriff sterben mehr als 6500 Menschen, ganze Familien werden ausgelöscht. Die meisten von ihnen ersticken in den Luftschutzkellern, in denen sie vorsorglich bleiben, weil diese nach Luftschutzinstruktionen die sichersten Orte sein sollen. Wer die Flucht durch den Feuersturm wagt, geht das Risiko des Verbrennens ein. Dennoch erreichen viele von denen, die die Luftschutzkeller verlassen, die äußeren Stadtteile und überleben den Angriff.

Noch in der Nacht fliehen viele überlebende Heilbronner in die umliegenden Gemeinden, zum Teil nur mit dem, was sie am Leib tragen. Die Feuerwehren der Nachbarorte eilen zum Löschen nach Heilbronn, was sich als äußerst schwierig erweist, da der Stadtkern durch die Hitze unzugänglich ist und vom Neckar her erst Löschwasserleitungen gelegt werden müssen.

5. Dezember

Gegen Morgen lässt der Flächenbrand über der Stadt merklich nach. Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, Wehrmacht und auswärtige Helfer aus der Umgebung, aber auch aus Stuttgart, Ludwigsburg, Crailsheim und Pforzheim, geben in den Kasernen Kaffee, Eintopfessen und belegte Brote für die ausgebombte Bevölkerung aus. Sicherheitsdienst und Organisation Todt bahnen notdürftig Gehwege durch die trümmerbedeckten Straßen und bergen die ersten Toten aus den Kellern, die reihenweise auf freie Plätze gelegt werden.

Erwachsene und Kinder irren auf der Suche nach Angehörigen verstört durch die Straßen. Gegen Abend lässt die NSDAP-Kreisleitung durch Lautsprecherwagen bekannt geben, die Zahl der Toten betrage bis jetzt 4000, die der vermissten 3000. Niemand schenkt diesen Zahlen Glauben; in der Bevölkerung spricht man von 18.000 bis 25.000 Toten.

6. Dezember

Im "Köpfer" wird mit dem Ausheben eines Massengrabes für die Todesopfer des 4. Dezember begonnen (dem späteren Ehrenfriedhof). Neben städtischen Mitarbeitern und Polizisten, welche die Toten registrieren und Kleider und Wertsachen sicherstellen, werden dort 40-50 Häftlinge aus dem KZ Neckargartach, in ihrer Mehrzahl sog. Fremdarbeiter, zum Leichentransport eingesetzt.

 
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