Gustav Schmoller (1838–1917)

Von geschlossenen theoretischen Denkmodellen hielt der Nationalökonom Gustav Schmoller wenig. Statt dessen gewann der Wirtschaftsfachmann seine Erkenntnisse durch Fakten, welche historisch belegt waren.

Dem Sohn des württembergischen Kameralverwalters Friedrich Schmoller, der seit den 1830er Jahren in Heilbronn amtierte, war recht schnell klar, in welche Richtung seine berufliche Leidenschaft tendierte. Nach dem Abitur begann er ein Studium der Kameralwissenschaften (Vorläufer der Finanzwissenschaft) an der Universität Tübingen, bei dem er sich aber hauptsächlich mit Geschichte und wenig mit der Ökonomie befasste. Denn eine „klare Einsicht von dem Zusammenhang aller wirtschaftlichen Entwicklung mit der Staatsverwaltung" brachte er schon mit, nachdem er zwischen Reifeprüfung und Studienbeginn schon eineinhalb Jahre in der Kanzlei seines Vaters gearbeitet hatte.

Mit nur geringem Aufwand bewältigte Schmoller sein Universitätsstudium und promovierte über die volkswirtschaftlichen Anschauungen in der Zeit der Reformation.

Nach einem kurzen beruflichen Ausflug in die Praxis folgte Schmoller im Jahr 1864 einem Ruf an seinen ersten Lehrstuhl. Als Professor für Staatswissenschaften an der Universität Halle begann er mit intensiven volkswirtschaftlich-staatswissenschaftlichen Studien. Sein Hauptwerk dieser Jahre, „Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert“, hatte die Festschreibung der Gewerbefreiheit in der Gewerbeordnung des Norddeutschen Bundes 1869 zum Hintergrund und kritisierte eine zu weit gehende Liberalisierung. Als „antiliberal“ und „Katheder-Sozialist“ geriet Schmoller ins Kreuzfeuer der Kritik.

1872 erhielt er einen Ruf an die Reichsuniversität Straßburg, wo er sogar ein eigenes staatswissenschaftliches Seminar aufbaute; zehn Jahre später lehrte Schmoller an der Berliner Universität.

Der Nationalökonom forderte, dass die Empirie die Grundlage der (wirtschafts-)wissenschaftlichen Forschung bilden solle. Denn erst wenn das historisch relevante Material ausgewertet sei, verfüge man nach der Überzeugung Schmollers über eine ausreichende Anzahl von Fakten, um daraus theoretische Einsichten gewinnen zu können. Schmoller wollte also die Richtung künftiger volkswirtschaftlicher Entwicklungen aus der Geschichte ableiten. Mit seiner sogenannten jüngeren historischen Schule stand er im krassen Gegensatz zur klassischen Volkswirtschaft.

Lange Zeit schien Schmollers Autorität in seinem Fach unangreifbar. Er wurde vielfach geehrt, 1908 wurde er in Preußen in den Adelsstand erhoben. Aber in der Fachwelt stieß sein Ansatz zunehmend auf Kritik; nach dem Ersten Weltkrieg galt die jüngere historische Schule Schmollers, der 1917 verstarb, als völlig überholt.

Gustav Schmoller war jedoch nicht nur ein streitbarer Wissenschaftler, sondern er engagierte sich auch in sozialpolitischer Hinsicht. Er hatte miterlebt, wie sich durch die industrielle Revolution die neue soziale Schicht der besitzlosen Arbeiter gebildet hatte und bezog dazu Stellung. Ausdrücklich wandte er sich gegen das „Manchestertum“, gegen die Ausbeutung der sozial Schwachen und setzte sich für schrittweise und maßvolle Sozialreformen ein. Ihm war klar, dass das soziale Geschehen nicht dem freien Spiel der Kräfte überlassen werden durfte, dass ein „Schleifen lassen“ der Dinge die soziale Ordnung in größte Gefahr bringen würde.

Schmoller kommt das Verdienst zu, bezüglich sozialen Frage einen gangbaren Weg zwischen reinem Liberalismus und einem Staatssozialismus aufgezeigt zu haben. Er hat sozialpolitisches Denken „hoffähig“ gemacht.

 

 

 
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