„Polenbegeisterung“ 1832 in Heilbronn

Am 10. Februar 1832 veranstaltete die Harmonie-Gesellschaft einen Ball mit Tombola. Der Erlös dieser Wohltätigkeitsveranstaltung sollte den „unglücklichen wandernden Polen“ zugute kommen. Bereits einen Monat zuvor (3. Januar) war im Heilbronner Intelligenz-Blatt ein Aufruf erschienen, die polnischen Emigranten zu unterstützen: „Dem Vernehmen nach werden in Bälde unglückliche Polen, welche in Frankreich eine Zufluchtsstätte suchen, auf ihrem Wege dahin in hiesige Stadt kommen.“ Von der „lebhaften Theilnahme für diese Unglücklichen durchdrungen“, baten die Initiatoren des Aufrufs um Geld- und Sachspenden sowie Unterbringungsmöglichkeiten. Unterzeichnet hatten: Fabrikant Peter Bruckmann, Rechtskonsulent Georg Ludwig Feyerabend, Amtspfleger Ferdinand Kleinmann, Rechtskonsulent August Strauß, Professor Gottlieb Friedrich Strodtbeck sowie Rechtskonsulent Heinrich Titot.

Am 4. Februar gab das Heilbronner Polen-Comitée, das sich wohl am 8. Januar 1832 konstituiert hatte, bekannt, dass Spenden nun auch bei Lehramts-Candidat Eduard Eyth (der Vater des Ingenieurs Max Eyth), Stadtrat Bernhard Nickel, Schuhmachermeister Friedrich Plinzig und Weingärtner Conrad Drauz abgeliefert werden konnten. Außerdem habe man sich mit den Polenvereinen in Leipzig, Nürnberg und Würzburg in Verbindung gesetzt, um noch besser vorbereitet zu sein. – Heilbronn wurde Teil jener großen Hilfsaktion, die als „Polenbegeisterung“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Der Heilbronner Stadtrat befasste sich nur einmal offiziell mit den Polen – am 19. Januar 1832 entschied das Gremium, dass den durchziehenden Flüchtlingen „das Schießhaus angewiesen und ihnen nöthigenfalls von den Requisiten, welche wegen der Cholera angeschafft worden sind, das Erforderliche abgegeben werden solle“.

 

Alles weitere übernahm das Heilbronner Polen-Comitée (allerdings waren die Initiatoren Titot und Nickel Mitglieder des Stadtrats und Strauß war Obmann des Bürger-Ausschusses). Das Komitee sammelte Geld – am Schluss waren knapp 2100 Gulden zusammengekommen –, warb um Lotterie- und Tombola-Gegenstände, organisierte Kleidung, Schuhe, Reiseproviant und kümmerte sich um Unterbringungsmöglichkeiten für die polnischen Flüchtlinge. Aushänge im Lesezimmer der Harmonie und im Lokal des Bürgervereins informierten über die Quartiere der Neuankömmlinge „und wo sie Abends zu sprechen seyn werden“ (Intelligenz-Blatt vom 20. März 1832).

Das Wandertheater Zimmer, das damals im Braunhardtschen Gartensaal gastierte, führte am 24. Januar „auf allgemeines Verlangen“ Karl von Holteis Singspiel „Der alte polnische Feldherr“ auf, dessen Lied „Denkst Du daran, mein tapferer Lagienka“ große Popularität erlangt hatte und das nun auch in Heilbronn als Notenblatt einzeln zu kaufen war. Der Heilbronner Lithograph Friedrich Matthies brachte zusätzlich ein Blatt heraus, „Polnisches Lied: Die Flüchtlinge – mit Guitarre und Clavier-Begleitung“. Am 10. April gab der Maler Alexander Bruckmann bekannt, das man bei ihm sein lithographiertes Porträt des polnischen Generalissimus Rybinski für 30 Kreuzer kaufen könne.

Rybinski hatte einige Tage bei Familie Kerner in Weinsberg logiert und bei den jungen Theobald einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. In seinen Erinnerungen „Das Kernerhaus und seine Gäste“ spricht Theobald Kerner von Massenquartieren in Heilbronn. Wie viele der polnischen Emigranten tatsächlich durch Heilbronn gekommen sind, ist nicht bekannt. Am 10. März 1832 jedenfalls gingen die Vorräte an Bekleidung zur Neige und das Polen-Comitée bat im Intelligenz-Blatt dringend um weitere Hemden, Schuhe und Stiefel.

Einmal scheint das Polen-Comitée nach Meinung der Zeitgenossen über das Ziel hinausgeschossen zu sein und „mit übergroßer Freigebigkeit über anvertraute Gelder disponirt zu haben“. Das Komitee hatte für den Oberst Fiatkowsky einen Wagen gekauft und versuchte dies damit zu rechtfertigen, dass Fiatkowsky seine ganze Familie (einschließlich eines elf Wochen alten Kindes ) „in das Elend der Verbannung“ mitnähme. Man sei jedoch bestrebt, so heißt es in einer längeren Rechtfertigung im Intelligenz-Blatt, die „noch zu erwartenden edlen Flüchtlinge der polnischen Nation“ nicht unter dieser außerplanmäßigen Geldausgabe leiden zu lassen.

Am 20. März 1832 dankte das Heilbronner Komitee im Intelligenz-Blatt ausdrücklich den Heilbronner „Frauen und Jungfrauen, die durch Arbeiten ihrer Hände zum so ergiebig gewordenen Gelingen der Lotterien beigetragen haben“. Am 19. April ging an die „Töchter hiesiger Stadt“ die Bitte, „sich der Fertigung von Hemden für dürftige Polen zu unterziehen“, um damit dem Polenverein neben der Anschaffung des Stoffes weitere Ausgaben zu ersparen.

 

Am 28. April bedankte sich Andreas von Murzynowski, „Obristlieutenant des 1ten polnischen Ulanenregiments von Kalisch“ durch eine Anzeige im Intelligenz-Blatt bei den Heilbronner Menschenfreunden, „welche ihn und seine Gefährten ... so gastfreundlich und brüderlich aufgenommen haben“.

Am 14. Juni – rund zwei Wochen nach dem Hambacher Fest – bat der Heilbronner Polenverein noch einmal eindringlich um Kleiderspenden, da „noch viele dieser Unglücklichen durch unsere Stadt reisen werden“. Am 12. Juli veröffentlichte Oberamtmann Kleinmann die letzte Spendenübersicht. Es wirkt fast wie ein Abgesang, als am 14. August noch einmal eines der typischen emphatischen Polengedichte in Intelligenz-Blatt erscheint: „Noch ist Polen nicht verloren – Tönt’s in aller Völker Zungen ...“ Am 7. Oktober 1832 hat sich der Heilbronner Polenverein bzw. das Polen-Comitée aufgelöst.

 
Seite drucken