Siegfried Gumbel (1874-1942)

Siegfried Gumbel kam am 22. September 1874 in Heilbronn zur Welt. Er besuchte das Karlsgymnasium, studierte in Tübingen und war seit 1901 in Heilbronn als Rechtsanwalt tätig. Ab 1923 arbeitete er als Teilhaber in der bekannten Rechtsanwaltskanzlei „Dr. Gumbel, Koch und Dr. Scheuer“ in der Kaiserstraße 12.

Seit 1904 war Siegfried Gumbel mit Ida Rosenthal verheiratet. Zwei Jahre später kam Sohn Otto und nach weiteren zwei Jahren Sohn Erich zur Welt. Die junge Familie zog ins eigene Haus in der Gartenstraße 50, das so gebaut war, dass Ida, die an Multipler Sklerose litt, ein möglichst barrierefreies Leben führen konnte. Der Sohn Erich erinnerte sich später, dass sein Vater ihr nachts stundenlang aus Büchern vorgelesen habe, da seine Mutter nicht schlafen konnte.

Siegfried Gumbel war viele Jahre lang der Vorsitzende des Heilbronner Rechtsanwaltsvereins; im Sommer 1932 zog er als Nachfolger für den überraschend verstorbenen Ludwig Heuss für die DDP in den Gemeinderat. In der liberalen jüdischen Gemeinde Heilbronn und in der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Württemberg spielte er eine wichtige Rolle. So stand er den Heilbronner Ortsgruppen der „Vereinigung für das liberale Judentum“ und des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ vor. Außerdem war er seit 1924 Stellvertretender Vorsitzender des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs.

Im Mai 1927 – als die NSDAP-Ortsgruppe hier in Heilbronn bereits präsent war und gegen die Juden hetzte – beging die Israelitische Gemeinde das 50-jährige Bestehen der Synagoge an der Allee. Es scheint ein großes, aber recht „stilles“ Fest gewesen zu sein, an dem auch viele Nichtjuden teilnahmen. Siegfried Gumbel hielt die Festansprache. Er sah ganz klar die Gefahren, die der zunehmende „Rassenwahn und Rassendünkel“ brachte und dennoch schloss er mit den Worten: „Die Hindernisse, die uns entgegenstehen, müssen genommen, die Schwierigkeiten müssen überwunden, die Ungunst der Zeit muß besiegt werden. Die Zukunft wird besser, wenn wir besser werden. Man muß das Leben nicht nehmen, wie es ist, sondern es gestalten, wie es werden soll. Man muß Mut haben und Selbstvertrauen, Kraft und Zähigkeit.“

Während die beiden Söhne kurz nach dem 1. April 1933 (dem Tag des „Judenboykotts“) nach Palästina auswanderten, blieb Siegfried Gumbel hier. Im Oktober 1936 starb seine Frau Ida, im Sommer 1937 zog er nach Stuttgart, um als Vorsitzender des Israelitischen Oberrats alles zu tun, um die Lage seiner jüdischen Mitmenschen zu erleichtern. Vielen konnte er zur Auswanderung verhelfen.

In der Reichspogromnacht 1938 wurde Siegfried Gumbel in das „Schutzhaftlager“ Welzheim gebracht. Sein Mitstreiter Julius Wissmann erinnerte sich später: „Es kam der 9./10. November. Gumbel kam nach Welzheim, ich ins Gefängnis in die Büchsenstraße… Gumbel kam gebrochen aus Welzheim zurück.“

Am 5. Oktober 1941 wurde Siegfried Gumbel verhaftet. Nachdem der 68-Jährige fünf Wochen lang von einem Gefängnis und Verhör zum nächsten gezerrt worden war, brachte man ihn in das Konzentrationslager Dachau. Dort wurde er am 27. Januar 1942 ermordet. Seit 2009 erinnert ein Stolperstein vor dem Haus Gartenstraße 50 an sein Schicksal.

 
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