Otto Bellinger und sein Luftfahrtarchiv

Otto Bellinger, Fluglehrer und Gründer des Luft- und Raumfahrtarchivs Bellinger, lebte seit 1966 in Heilbronn. Er gehörte zu den Pionieren des Segelflugs und sammelte Fotos, Bücher, Broschüren und andere Materialien zur Geschichte der Luft- und Raumfahrt. Sein umfangreiches Archiv übergab er dem Stadtarchiv Heilbronn, wo es auch nach seinem Tod 2006 aufbewahrt wird.

Ein Schwerpunkt des Luftfahrtarchivs Bellinger liegt auf der Geschichte des Segelflugs, denn Otto Bellinger war selbst Segelflieger und – ab 1929 – Segelfluglehrer gewesen. Seit 1921 hatte er fast immer die Rhön-Segelflugwettbewerbe auf der Wasserkuppe besucht, zunächst als Zuschauer, später auch als Teilnehmer.

Fotos und Ansichtskarten, die er vom Rhön-Segelflugwettbewerb 1921 mitgebracht hatte, zeigen u.a. die Flugapparate von Arthur Martens von der Akaflieg Hannover, Karl Koller vom Bayerischen Aero-Club und Wolfgang Klemperer von der Akaflieg Aachen.

Der Rhön-Segelflugwettbewerb von 1922 wird durch die berühmte „Charlotte“ vertreten. Das einsitzige schwanzlose Segelflugzeug war von der Akaflieg (= Akademische Fliegergruppe) Berlin-Charlottenburg entwickelt worden.

 

Vom Rhön-Segelflugwettbewerb 1924 ist eine „Liste der teilnehmenden Flugzeuge“ im Bellinger-Archiv. Danach waren 78 Segelflugzeuge gemeldet, 31 davon waren mit einem Hilfsmotor ausgerüstet. Sieger in den Kategorien Zielflug, Dauerflug und Höhenflug war der (mit einem Hilfsmotor ausgerüstete) Sport-Einsitzer „Kolibri“ der Udet-Werke München, die 1926 in den Bayerischen Flugzeugwerken (BFW) Augsburg aufgingen.

Auf dem Rhön-Segelflugwettbewerb 1928 hat der damals 20-jährige Otto Bellinger selbst Fotos aufgenommen. Sie zeigen u.a. die Flugzeuge bzw. Leistungsflüge der Segelfliegerstars Ferdinand Schulz, Robert Kronfeld und Wolf Hirth (in seinen Flugzeugen „Lore“ und „Württemberg“). Mit dabei ist auch eine Aufnahme des Doppelsitzers „Mannheim“ mit den jungen Julius Hartry über dem Fliegerdenkmal auf der Wasserkuppe.

Auch auf dem Rhön-Segelflugwettbewerb von 1931 war Robert Kronfeld anwesend, von dem Otto Bellinger einen Schnappschuss aufgenommen hat. Der Rhön-Segelflugwettbewerb ein Jahr später wurde von dem tödlichen Absturz von Günther Groenhoff überschattet. Ein Foto vom Tag vor dem Unglück zeigt den Piloten mit seinem von Alexander Lippisch konstruierten Flugzeug Fafnir.

 

Motorflug

Unter den Archivalien befinden sich Firmenkataloge der Albatros Flugzeugwerke (für die auch – im Jahr 1914 – der aus Heilbronn stammende Hellmuth Hirth geflogen war), von Focke-Wulf und Junkers. Deren Verkehrsflugzeuge aus dem Jahr 1925 konnten jeweils vier Fluggäste befördern.

Für die Internationale Luftfahrtausstellung ILA 1928 in Berlin haben etliche Flugzeugfirmen spezielles Werbematerial hergestellt, z.B. Heinkel (Doppeldecker HD-22) und die Bayerischen Flugzeugwerke (BFW). Und auch die Espenlaub Flugzeugbau Düsseldorf stellte auf der ILA 1928 ein Motorflugzeug vor.

 

Die Deutsche Luft Hansa war ebenfalls auf der ILA 1928 in Berlin vertreten und warb mit den Vorzügen des Luftverkehrs. Einem Luftverkehrsprospekt aus dem Jahr 1932 zufolge flogen damals für die Deutsche Luft Hansa Flugzeuge der Firmen Focke-Wulf, Junkers, Dornier, BFW-Messerschmitt und Rohrbach. Seit Juli 1932 wurde die Junkers G 38 – das größte Landflugzeug zu Beginn der 1930er Jahre mit 34 Passagiersitzen– auf der Strecke Berlin–Amsterdam–London eingesetzt. Bereits seit Mai 1932 flog auch die Ju 52/3m (die „Tante Ju“) für die Luft Hansa.

Carl Pirath, der Leiter des Verkehrswissenschaftlichen Instituts für Luftfahrt an der TH Stuttgart, veröffentlichte 1936 Vorschläge und Berechnungen zum „Nachtluftverkehr“ und die im Nachtflugverkehr einzusetzenden „Schlafflugzeuge“. Ein „Schlafflugzeug“, die Fokker F XXXVI war bereits gebaut – es blieb allerdings bei diesem einen Exemplar, das seit 1935 für die niederländische KLM und 1939/1940 für die Scottish Aviation flog.

 

Weltraumfahrt

Von den Klassikern der Raumfahrt-Literatur sind einige im Luftfahrtarchiv Bellinger vorhanden, etwa das Grundlagenwerk von Walter Hohmann „Die Erreichbarkeit der Himmelskörper“ von 1925. Drei Jahre später erschienen Max Valiers „Raketen-Fahrt“, Willy Leys „Die Möglichkeit der Weltraumfahrt“ und Hermann Oberths Dissertation „Die Rakete zu den Planetenräumen“, die allerdings von der Universität Heidelberg nicht angenommen wurde, da es keine Professoren zur Beurteilung der Arbeit gab. Ebenfalls 1928 veröffentlichte Otto Willi Gail sein Buch „Mit Raketenkraft ins Weltall“, das unter dem Eindruck der weltweit ersten erfolgreichen Fahrt eines „Raketenautos“ im April 1928 auf der Opelbahn in Rüsselsheim steht.

„Die Rakete für Fahrt und Flug“ von Alexander Borissowitsch Scherschevsky erschien 1929. „L’Astronautique“ (1930) gilt als das Hauptwerk des französischen Luftfahrt- und Raketenpioniers Robert Esnault-Pelterie. Der Ingenieur Rudolf Nebel, der seit 1930 als Raketenforscher tätig war, gibt in seinem „Raketenflug“ einen Überblick über den Entwicklungsstand des Jahres 1932. Ein Jahr später kam das Grundlagenwerk „Raketenflugtechnik“ des Wiener Ingenieurs Eugen Sänger heraus. Werner Brügel veröffentlichte im selben Jahr die Selbstporträts der wichtigsten „Männer der Rakete“, zu denen auch der russische Raketenpionier Konstantin E. Ziolkowsky gehörte.

 

Der weltweit erste Start einer Flüssigkeitsrakete gelang 1926 dem Amerikaner Robert Goddard, den die Zeitschrift „Weltraum“ in ihrer Ausgabe vom Dezember 1939 würdigt.

Der „Weltraum“ hatte die Nachfolge der berühmten „Rakete“ angetreten, der weltweit ersten Fachzeitschrift für Raketentechnik und Raumfahrt. Sie erschien ab 1928 und wurde von Johannes Winkler herausgegeben. Alle drei Jahrgänge sind im Luftfahrtarchiv Bellinger vorhanden. In einer der ersten Nummern wird z.B. an Hermann Ganswindt erinnert und zur finanziellen Unterstützung des verarmt in Berlin lebenden 72-Jährigen aufgerufen. Ganswindt hatte um 1880 Konzepte für ein Weltraumfahrzeug nach dem Rückstoßprinzip entwickelt und einen Hubschrauber konstruiert, der 1901 in Berlin-Schöneberg erfolgreich flog. Es gilt damit als das weltweit erste Motorflugzeug.

 
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