Arbeitswelt im 19. Jahrhundert

Städte wie Heilbronn wurden mit Beginn der Industrialisierung durch den Zuzug von Arbeitskräften  fast überrollt. Niemand konnte sich damals vorstellen, wie stark die Stadt noch wachsen würde.

Die ärmeren Schichten blieben zunächst in der Altstadt, die im Vergleich zu den Neubauten vor den Toren zentrale und relativ billige Quartiere bot. Zur Linderung der Wohnungsnot trug beispielhaft die "Gesellschaft zum Bau von Arbeiterwohnungen" bei, die erste derartige Gründung in Württemberg. Auf Initiative des Papierfabrikanten Adolf von Rauch errichtete sie ab 1856 in der Nähe der Zuckerfabrik eine kleine Wohnsiedlung. Weitere solcher Baugenossenschaften folgten.

Die Unternehmer wohnten zunächst oft neben ihrer Fabrik oder in den neuen Vorstädten. Mit dem weiteren Wachstum der Stadt entstanden gegen Ende des Jahrhunderts prächtige Villen am Lerchenberg im Heilbronner Osten.

Über die neuen Arbeiterhäuser hieß es: "Die bisherigen Wohnungen der ärmeren Classen bestehen gewöhnlich aus einem niedrigen, nicht selten schlecht verwahrten Zimmer, wozu manchmal noch eine Kammer kommt. Außerdem ist damit die Benützung eines zugleich als Küche dienenden Vorplatzes verbunden, worein sich oft mehrere Familien zu theilen haben. [...] Diesen Mißständen abzuhelfen [...] sind bis jetzt in zwei Gebäuden 20 Wohnungen unter der sachkundigen Leitung des Stadtbaumeisters De Millas aufgeführt. [...]

In dem einen Gebäude sind es 12 kleinere Wohnungen [...], von denen jede ihren eigenen Ausgang hat und überhaupt im Inneren gänzlich von den übrigen abgeschlossen ist. In dem kleinen Vorbau mit der Hausthüre finden wir zuerst die Küche mit dem Herd und den weiter nöthigen Einrichtungen wie Wasserstein, Schüsselbrett u.s.w. An demselben Vorbau ist auch der Abtritt angebracht mit besonderem Eingang von außen her. Aus der Küche gelangen wir unmittelbar in die Wohnstube [...] mit geweißneten Wänden, einem offenen Wandkästchen und einem hinlänglich großen Fenster. Eine Wendeltreppe führt zu der Kammer im oberen Stocke, die vorzüglich als Schlafstätte bestimmt [...]." (Stadtarchiv Heilbronn A034-76)

 

Arbeitsbedingungen

Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken waren streng reglementiert. Gearbeitet wurde an sechs Tagen in der Woche, im Sommer 12 bis 13 Stunden, im Winter eine Stunde weniger.

Schon 1838 waren etwa 500 Arbeiter in den Fabriken der Stadt beschäftigt, und ihre Zahl nahm in der Folgezeit drastisch zu. Sie kamen oft aus dem weiteren Umland in die Stadt, hatten durch die wirtschaftliche Not ihr soziales Umfeld verloren und verhielten sich nicht so, wie die Bürger erwarteten.

Deshalb wurde auch außerhalb der Arbeitszeit versucht, sie zu beaufsichtigen:
"Es zeigt zwar die große Menge fremder Arbeiter starken Hang zu einer ungebundenen Lebensweise, denn viele ledige Leute ziehen es vor, in Fabriken zu arbeiten, wo sie zwar in der Arbeitszeit sehr fleißig sein müssen, doch aber in Gesellschaft arbeiten, und nach dem Feierabend sich ganz selbst überlassen sind, während die Dienstboten Tag und Nacht unter der Aufsicht ihrer Herrschaft bleiben. Es ist daher allerdings zu bedauern, daß manche von diesen vielen Proletariern unzüchtig leben, oder was sie verdienen im Spiel und an Wirtstischen vergeuden." (Heinrich Titot, Chronik 1841)

Vor allem die Arbeit in den Fabriken der chemischen Industrie war äußerst gesundheitsschädlich; schon 1825 beschrieb ein Heilbronner Arzt die "Bleikrankheit" der Arbeiter der Bleiweiß-Fabrik von Georg Friedrich Rund.

1865 heißt es: "Wenn auch in den vielen Fabriken der Stadt nicht selten Verletzungen, sogar Tödtungen durch die Gewalt der Maschinen vorkommen, und die Bleikolik bei Arbeitern in den Bleiweißfabriken (die jedoch in neuester Zeit viel seltener ist als früher), so äußern doch im Ganzen die zahlreichen Fabriken und Gewerbe keinen schädlichen Einfluß auf den allgemeinen Gesundheitszustand und die Sterblichkeit [...]." (Beschreibung des Oberamts Heilbronn 1865)

 
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